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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1910,
peraturen zu finden: da klafft also noch eine Lücke unserer Kenntnisse; anzu-
nehmen ist, daß die Grundtemperaturen höher als 2° sind, trotz der im Winter
streckenweise niedrigen Oberflächentemperatur. —- Jedenfalls fehlt dem nörd-
lichen Stillen Ozean ein echt polares Stück überhaupt; die für die westliche
Hälfte des europäischen Nordmeeres und noch mehr für das Polarbecken charak-
teristische vertikale Temperaturverteilung (Mesothermie) ist höchstens zeitweise
vorhanden.
Im hohen Süden des Stillen Ozeans sind Bodentemperaturen von unter 0°,
die wir vom südlichsten Atlantischen und südlichsten Indischen Ozean zuerst
seit der »Valdivia«-Expedition kennen, bisher nicht gemeldet; denn in der Straße
von Kap Horn und Graham Land liegen die Werte bei rund 0.6°. Die »Belgica«
hat dicht am Eis sogar 0.8°, allerdings nahe dem südpolaren Schelf südwestlich
von der Peter-Insel, und im »Vietoria«-Quadranten schwanken die ebenfalls nur
für Tiefen von weniger als 1000 m geltenden Angaben der englischen Südpolar-
expedition zwischen + 1.3° und — 0.2° je nach der Tiefe, wobei die Minus-
temperaturen natürlich von der eiserfüllten Oberfläche unmittelbar herrühren
und im ozeanischen Sinne kaum eigentliche Tiefseetemperaturen sind. Jedenfalls
besteht ein wesentlicher Unterschied in den Bodentemperaturen zu den ent-
sprechenden Gegenden des Atlantischen und Indischen Meeres, Schott hat hier-
auf schon 1905 nachdrücklich aufmerksam gemacht.!) Im ganzen Südatlantischen
Ozean und in der westlichen Hälfte des Indischen Ozeans, d. h. im Bereich des
‚Weddell«- und »Enderby«-Quadranten, erstreckt sich eiskaltes Bodenwasser mit
Wärmegraden von unter 0° vom Südpolarkontinent aus bis nach 60° S-Br., unter
den Längen des Kaplandes sogar bis fast 50° S-Br. nordwärts. In der östlichen
Hälfte aber des Indischen Ozeans und im ganzen Stillen Ozean, d. h. im »Victoria«-
und »Roß«-Quadranten, fehlt dies Wasser bis auf vereinzelte kleine Strecken
ganz; da ist vielmehr für 60° S-Br. eine Bodentemperatur von etwa + 0.6”
(gegenüber — 0.4° in den vorher bezeichneten Regionen), für 50° S-Br. eine Boden-
temperatur von etwa + 0,8° bis 1.1° anzusetzen (gegenüber 0.2° bis 0.4° in den
erstbezeichneten Regionen). Diese sehr wichtige Verschiedenheit der die Ant-
arktis umgebenden Bodenwässer erklärt sich aus der Verschiedenheit der be-
treffenden Bodenformen.?) Im Weddell-Quadranten und im Enderby-Quadranten
lehnt sich ein sehr tiefes Becken, das atlantisch-indische Südpolarbecken, fast
unmittelbar an den Südpolarkontinent an; im Vietoria- und Roß-Quadranten aber
sinken breite, dem südpolaren Festlandsrand angelagerte Schwellen allmählich
nach Norden hin ab, |
In den hohen südlichen Breiten des Stillen Ozeans fehlt also wohl der
unterste Teil des thermischen Profils, das man im allgemeinen als typisch für
antärktische Verhältnisse anzusehen sich gewöhnt hat. Und nicht dies allein!
Die Unterschiede in den paarweise zusammengenommenen Quadranten gelten
nicht bloß für das Bodenwasser, sondern auch für die Niveaus von 4000, 3000,
2000 m und noch höher zur Oberfläche hinauf. Wer sich der Mühe unterzieht,
die hier gegebenen Tafeln mit den entsprechenden des »Valdivia«-Werkes
(Nr. XVIIT u. ff.) zu vergleichen, wird in den hohen südlichen Breiten des
Stillen Ozeans durchweg erheblich höhere Wärmegrade finden als in denen des
Atlantischen und Indischen.
Spätere Beobachtungen, an denen es bis jetzt leider fast ganz fehlt, mögen
hierzu noch Ergänzungen und Abänderungen bringen; besonders wichtig wäre,
wenigstens eine vollständige, Salzgehalt und Temperatur zugleich berücksich-
tigende Reihe südlich von 60° Breite, vielleicht südlich von der Osterschwelle,
über ganz tiefem Wasser zu erhalten, etwa da, wo die Dougherty-Insein liegen
sollen, die rückkehrende »Discovery« aber Tiefen von 4416 und 4733 m ge-
messen hat,
$ 4. Die thermischen Profile (Taf, 13 und 14)
werden den Zweck erfüllen, das bisher in horizontaler Richtung gewonnene Bild
der räumlichen Temperaturverteilung nach der vertikalen Richtung zu ergänzen;
1) Die Bodenformen und Bodentemperaturen des südlichen Eismeeres, in Petermanns (teogr.
Mitteil. 1905, Heft XI, Taf. 19.
2, Vergl. Schott a. a. O0... S. 245/246.