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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1910.
Ungenaue Deviation. Die Seeamtsverhandlungen ergeben alljährlich eine
ganze Anzahl Fälle, in denen der Deviation des Kompasses nicht die nötige Auf-
merksamkeit zugewendet worden ist. Manche dem Strome oder anderer Ursache
zugeschriebene Besteckversetzung hält näherer Untersuchung nicht stand, sondern
stellt sich als die Folge ungenauer oder fehlerhafter Deviation heraus, Bei der
Veränderlichkeit der Deviation sollte jede Gelegenheit zur Deviationsbestimmung
benutzt werden. Beim Ausrechnen der Deviation ist Vorsicht und Nachprüfung ge-
boten, damit keine Rechenfehler vorkommen (s. Strandung des D. »Serbia«, Nr. 56).
Bei ungenauen Beobachtungen sollte lieber auf entsprechende Berechnungen aus
dem Deviationsjournal zurückgegriffen werden, vorausgesetzt natürlich, daß sie
nicht zu alt sind und daß die Umstände ähnlich liegen. Beim Herausnehmen
der MiBßweisung aus der Karte ist darauf zu achten, für welches Jahr die Miß-
weisung gegeben ist. Bei Benutzung zweier verschiedenen Karten oder beim
Übergange aus der einen in die andere ist beim Absetzen von mißweisenden
Kursen auf etwaige Verschiedenheit der Mißweisungen zu achten. In allen diesen
Fällen sind Versehen und Unvorsichtigkeiten vorgekommen, die Schiffe in ge-
fährliche Lage gebracht und Strandungen verursacht haben.
Die Strandung Nr. 110 ist dadurch herbeigeführt worden, daß ein recht-
weisend abgesetzter Kurs mißweisend gesteuert worden ist. Dem wachehabenden
Offizier wurde vom Seeamt ein schwerer Vorwurf gemacht, weil er den Kurs
auf der Karte nicht nachgeprüft hatte,
Gefährliche Küstenpunkte.,
Verschiedene von den unten genannten gefährlichen Küstenpunkten sind
durch die häufigen dort erfolgten Schiffsverluste den meisten Seefahrern zwar
schon bekannt, doch werden sie nicht immer genügend beachtet, trotzdem
auch in den Segelanweisungen davor gewarnt wird. Das zeigen die Strandungen,
die an solchen Stellen immer wieder erfolgen. Eine Warnung auch an dieser
Stelle dürfte daher berechtigt sein. Einige weniger bekannte gefährliche Punkte,
die aber auch schon verschiedene, allerdings nicht allgemein beachtete Strandungen
herbeigeführt haben, haben sich aus dieser Arbeit ergeben und sind hier mit
aufgeführt.
Die Ostsee ist eins der Gewässer, dessen Gefährlichkeit vielfach unter-
schätzt wird. Die Stromversetzungen sind dort so häufig und in ihrer Richtung
und Stärke so unsicher, daß sorgfältige Beachtung des in den Küstenhandbüchern
über die Strömungen Gesagten sowie rechtzeitiges und genügendes Loten dringend
empfohlen werden muß. Nicht weniger Beachtung verdient die Deviation des
Kompasses, besonders in der Nähe der Inseln Gotland und Bornholm. Dort sind
zweifellos örtliche magnetische Einflüsse tätig, die Deviationsänderungen ver-
ursachen, wenn auch vielleicht manche Berichte darüber auf andere Ursachen,
z. B. Krängungsfehler zurückzuführen sein dürften. Man verlasse sich dort also
nicht zu sehr auf die Genauigkeit des Kompasses, sondern nehme bei jeder Ge-
legenheit Deviationsbestimmungen vor.
In der Nordsee ist besonders vor der Westküste von Jütland und vor der
niederländischen Küste zu warnen. Die erstere ist besonders deshalb gefährlich,
weil die dort strandenden Sehiffe fast ausnahmslos verloren gehen und zahlreiche
Menschenopfer fordern. Nach dem Skagerrak bestimmte Schiffe sollten diese
Küste nie südlich von Hanstholm ansteuern; sie geraten dort, wenn sie dem
Besteck voraus sind, was erfahrungsgemäß häufig vorkommt, bei unsichtigem
Wetter oder plötzlichem Witterungswechsel in die größte Gefahr.
An der niederländischen Küste, die ebenso wie die vorgelagerten Inseln
niedrig und auch bei klarem Wetter nicht weit zu sehen ist, bilden die weit
vorspringenden Untiefen und das flache Wasser eine große Strandungsgefahr,
die bei dem dortigen starken Schiffsverkehr von besonderer Bedeutung ist.
Beim Passieren dieser Küste muß gehörige Rücksicht auf den Strom genommen
werden, der dort bekanntlich sehr unregelmäßig ist und oft die Schiffe geradezu
in die Zuidersee hineinsaugt. Bei unsichtigem Wetter ist beständiges Loten un-
bedinet erforderlich, um die gefährliche Annäherung an die Küste zu erkennen.