Herrmann, J.: Ort und Ursache der Strandungen deutscher Seeschiffe, 297
nehmen wollte, die manche Strandung erklärlich oder entschuldbar erscheinen
jäßt. Die Strandungen durch direkte Pflichtvergessenheit oder grobe Fahrlässig-
keit sind glücklicherweise selten. Es wäre zwecklos, auf diese Fälle näher ein-
zugehen, da ihre Ursachen in Charaktereigenschaften der dafür Verantwortlichen
liegen. Die Seeamtssprüche, die in diesen Fällen gewöhnlich auf Patententziehung
erkennen, beseitigen solche ungeeigneten Elemente und enthalten in sich ge-
nügende Warnung.
Die Folgen von Versehen oder augenblicklicher Unvorsichtigkeit sind
naturgemäß am gefährlichsten bei Nebel oder unsichtigem Wetter, da dann die
Gefahr, in die man geraten ist, meist zu spät erkannt wird, Da ist doppelte
Vorsicht geboten, und kein Hilfsmittel der Navigierung sollte unbenutzt bleiben,
das die durch Ausschalten des Gesichts entstandene Strandungsgefahr abwenden
kann. Vor allen Dingen darf das Loten nicht unterlassen werden, es darf nicht
zu schnell gefahren werden, es muß bei unsicherem Besteck wenn irgend möglich
geankert werden und endlich der Strom muß besonders sorgfältig berücksichtigt
werden, Alle diese Unterlassungen haben viele Strandungen verschuldet.
Auf das Gehör, wenn Nebelsignale in Frage kommen, ist kein Verlaß, Die
gewöhnlichen akustischen Nebelsignale bilden eine sehr unzuverlässige Warnung,
da die Fortpflanzung des Schalls zu sehr von der Windrichtung und Luft-
beschaffenheit abhängt. Nicht nur die Richtung, aus der man sie hört, täuscht
oft, sondern sie bleiben oft ganz aus, besonders wenn der Schall gegen den Wind
geht. Das sollte man stets bedenken und die Navigierung so einrichten, daß das
Ausbleiben eines erwarteten Nebelsignals die Sicherheit des Schiffes nicht gefährdet.
Nebel über Land hat schon viele Strandungen verursacht. Es kommt häufig
vor, daß nachts bei klarem Wetter auf See das Land durch Nebel verdeckt wird
und daß infolgedessen Leuchtfeuer, auf die man sich als Ansteuerungsmarken
und rechtzeitige Warnung verläßt, nicht in Sicht kommen. In solchen Fällen
darf man sich nicht mit einer mutmaßlichen Besteckversetzung beruhigen und
einen womöglich gerade auf die Küste zuführenden oder sonst gefährlichen Kurs
weitersteuern, sondern sollte auch an diese Möglichkeit denken und die Navi-
gierung danach einrichten. .
Abstandsüberschätzung bei unsichtigem Wetter. Bei unsichtigem Wetter ist
eine einigermaßen zuverlässige Abstandsschätzung vom Lande oder von irgend
einem Gegenstande sehr schwierig; gewöhnlich wird der Abstand zu groß ge-
schätzt, zuweilen um einen recht hohen Betrag, so daß man leicht in Gefahr
geraten kann. Daraus ergibt sich die Warnung, sich auf eine Abstandsbestimmung
durch: Schätzung unter solchen Umständen nicht zu verlassen.
Auch bei sichtigem Wetter ist die Abstandsschätzung oft ein wenig zu-
verlässiges Mittel zur Ortsbestimmung (s. die Strandungen Nr. 32, 119 und 151),
das aber aus Bequemlichkeit gern angewendet wird. Wo man nicht unbedingt
darauf angewiesen ist, sollte man den Schiffsort auf andere Weise bestimmen.
Unterlassen des Lotens. Vor der Strandungsgefahr durch Stromversetzung
oder überhaupt Besteckversetzung bei Nebel oder nachts schützt nur das Lot,
Es ist in diesem Falle das einzige zuverlässige und selten versagende Hilfs-
mittel, die gefährliche Annäherung an das Land oder an Untiefen rechtzeitig zu
erkennen. Über die Wichtigkeit des Lotens ist wohl kein Seemann im Unklaren;
man könnte es daher für überflüssig halten, hier noch besonders darauf hinzu-
weisen, wenn nicht die zahlreichen Strandungsfälle, in denen sich Unterlassen
des Lotens, nicht rechtzeitiges oder ungenügendes ‚Loten als Ursache heraus-
gestellt hat, eines anderen belehrten.
Unterlassen des Ankerns bei Nebel oder nicht rechtzeitiges Ankern in der
Nähe des Landes oder von flachem Wasser, wo wegen wahrscheinlicher Strom-
versetzung oder wegen nicht ganz zuverlässigen Kompasses das Besteck unsicher
ist, muß als unvorsichtige Navigierung bezeichnet werden, Das Bestreben, keine
Zeit zu verlieren und eine schnelle Reise zu machen, darf selbst Post- und
Passagierdampfer vom Ankern unter solchen Umständen nicht abhalten, falls das
Ankern überhaupt möglich ist. Wenn sie beim Weiterfahren im Nebel an Grund
geraten, verlieren sie meist mehr Zeit, als es durch vorübergehendes Ankern