Herrmann, J.: Ort und Ursache der Strandungen deutscher Seeschiffe. 295
Strandungen durch Strömungen. Zu den Strandungen der ersten Gruppe
sind auch diejenigen gerechnet, die durch außergewöhnliche oder unberechenbare
Strömungen erfolgt sind, trotzdem mit genügender Vorsicht navigiert worden
war. Die große Zahl dieser Strandungen, gegen 30, zeigt deutlicher als Worte
es vermögen, von welcher Bedeutung die Strömungsverhältnisse in gewissen
Küstengegenden mit Rücksicht auf die Strandungsgefahr für die Schiffahrt sind.
Sie lenkt ferner unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß die Strömungs-
verhältnisse an verschiedenen mehr oder minder gefährlichen Küsten, besonders
an wichtigen Ansteuerungspunkten, noch sehr ungenügend bekannt sind. Das
Seeamt zu Hamburg weist bei der Untersuchung der Strandung des Dampfers
»Gouverneur« (am 29. April 1903 in der Nähe der Pomba-Bucht) daraufhin mit
den Worten: »Die Karten und Segelanweisungen sind für Strömungen
in der Nähe der Küsten leider immer sehr dürftig und lassen die See-
leute meistens ohne genügende Unterlagen für die richtige Beurteilung
des Stromes«, Wenn die Zahl dieser Strandungen vermindert werden soll,
müßten die Küstenströmungen gründlich erforscht werden, am besten wohl durch
längere regelmäßige Strombeobachtungen, die von den einzelnen Staaten im
Bereich ihrer Küsten ausgeführt werden. Japan hat 1908 solche Stromunter-
suchungen an der Ostküste von Korea durch Flaschenposten vornehmen lassen
und die dort verkehrenden Schiffe zur Beihilfe aufgefordert. Ferner sollten
nach einem Bericht des deutschen Konsuls in Coruna Ende 1906 im südlichen
Teile der Bucht von Biscaya und an der Nordwest- und Westküste von Spanien
umfangreiche Stromuntersuchungen durch Aussetzen einer großen Menge von
Schwimmkörpern von der französischen Ozeanographischen Gesellschaft mit
Unterstützung durch spanische Kriegsschiffe vorgenommen werden. Es wäre zu
hoffen, daß andere Staaten diesen nachahmenswerten Beispielen folgen möchten.
Diese Untersuchungen könnten durch die Mitarbeit der Handelsschiffe wesentlich
unterstützt werden. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß zum mindesten die
deutschen Schiffsführer, wenn mit dem genügenden Nachdruck auf die Wichtigkeit
solcher Strombeobachtungen hingewiesen, ihre bewährte Mitarbeit auch in diesem
Falle nicht versagen würden.
Strandungen durch ungenaue Karten, Die hier angeführten fünf Fälle bilden
nur den kleinsten Teil der vielen Strandungen, die in den letzten Jahren durch
ungenaue oder veraltete Karten verursacht worden sind. Die Genauigkeit der
Seekarten wird von den Seefahrern noch vielfach überschätzt, da die große
Schwierigkeit der Kartierung des Meeresgrundes mit alleiniger Hilfe des Lotes
nicht genügend beachtet wird. Fälle, wo spitze Klippen in anscheinend genau
bekannten und. beständig befahrenen Gewässern. erst durch Aufstoßen eines
Schiffes bekannt werden, sind gar nicht selten. Absolute Sicherheit für das Auf-
finden aller Klippen gibt nur das Absuchen bestimmter Gebiete mit Draggleinen,
In wichtigen Fahrwassern, in denen die Wassertiefe nicht viel größer ist als der
Tiefgang der dort verkehrenden Schiffe und wo unregelmäßiger felsiger Grund
das Vorhandensein von noch unbekannten Gefahren vermuten läßt, wird in Zu-
kunft im Interesse der Sicherheit des Schiffsverkehrs und mit Rücksicht auf den
zunehmenden Tiefgang der Schiffe das Absuchen mit Draggleinen nicht zu um-
gehen sein, An sandigen Küsten werden durch Strom und Seegang sowie durch
die Ablagerungen aus Flüssen beständig die Wassertiefen verändert, Bänke und
Untiefen bilden sich, ja ganze Küstenstreifen werden weggespült, während sie
sich an anderen Stellen neu ansetzen, Dort können natürlich auch die neuesten
und genauesten Vermessungen nicht lange vorhalten.
Einzelne Küstenstrecken sind nur flüchtig vermessen, andere nur im Vor-
beifahren skizziert, während vielfach bei älteren Vermessungen nur Rücksicht
auf den damaligen Bedarf der Schiffahrt in bezug auf Fahrwasser und Tiefgang
genommen worden ist. Inzwischen ist ‚aber der mittlere Tiefgang bedeutend
gewachsen; Dampfer von 9 und 10 m und größerem Tiefgang sind keine Selten-
heit mehr. Da genügt auch die in. vielen Karten noch als Sicherheitsgrenze
betrachtete 10 m-Linie nicht mehr; es müßte an deren Stelle die 15 oder 20 m-
Orenze treten. Um den Wer abzukürzen, werden immer neue Fahrwasser be-