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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

Fürst Albert von Monaco: Meereskunde und Menschheit. 9293 
Schon frühzeitig hat die Analyse der geologischen Tatsachen gelehrt, daß 
dem Ozean eine Hauptrolle zufällt in der Reihe der ursächlich untereinander 
verknüpften Erscheinungen, die zur Entstehung des Lebens führen, Die Ozeano- 
graphie zeigt, daß alle, selbst die tiefsten Wasserschichten nicht nur nicht un- 
bewohnbar sind, sondern sogar einer viel größeren Zahl von Lebewesen das 
Dasein ermöglichen, als die Schichten der Atmosphäre, in welcher das Leben auf 
einem einzigen Niveau zusammengedrängt ist. Das Meer enthält in Lösung alle 
Elemente der. Erde, wie den Keim der ersten lebenden Zelle, und wir könnten 
glauben, daß der Mensch, der alle Organismen der Erde meistert, letzten Endes 
dem Weltmeer entstammt. 
Sind wir im Sonnenglanz glücklicher als in dem phosphoreszierenden Lichte 
der Meeresabgründe? Glücklicher in den wechselnden Bedingungen der Atmosphäre 
als in der grandiosen Ruhe der Tiefsee, wo in Jahrhunderten und Jahrtausenden 
die allmähliche Entwicklung des organischen Lebens vor sich ging? Bemessen 
wir das Lustempfinden nach der Stärke der Gefühle, die das Theater der uns 
umgebenden Welt auslöst, so sind wir heute im Vorteil; aber vielleicht ruht das 
wahre Glück doch in der Tiefe, wo schweigende, schattenhafte Gestalten im un- 
bestimmten Scheine eigenen Phosphorlichtes einherziehen, wo der Tod so gewaltsam 
das Leben beendet, daß beide Mysterien wie eins erscheinen, und wo der grausame 
Begriff des Nichts, des leeren Raumes keine Geltung hat, 
Schnell vollzieht sich die Entwicklung der Meeresforschung, weil die Rolle, 
die der Ozean jetzt und früher in der Geschichte der Erde spielt, alle Wissen- 
schaften interessiert. Im Hinblick auf das gewaltige Forschungsgebiet, das von 
einem Pol zum andern, das rund um die Erde reicht, das alle Tiefen erfaßt und 
durch alle Zeiten hinschreitet, war es mein Wunsch, die intellektuellen Kräfte 
sämtlicher fortgeschrittenen Länder zu vereinigen, die Basis der Ozeanographie 
zu sichern und für ihr Wachstum zu sorgen, 
So ist das Institut entstanden, dessen ersten Teil wir heute eröffnen; die 
Säle sind der Aufbewahrung der Materialien gewidmet, die ich während meines 
wissenschaftlichen Daseins sammelte, und die die Zukunft noch bringen wird. 
Die Mittel der Laboratorien stehen den Ozeanographen, sie mögen kommen, woher 
sie wollen, für den Fortschritt der Wissenschaft jederzeit zur Verfügung. Der 
zweite Teil wird demnächst in Paris seine Pforten öffnen; er soll sein ein Mittel- 
punkt für den ozeanographischen Unterricht an der Universität, aber doch voll- 
kommen selbständig in sich; der Nachwuchs möge dort die Lehrer hören, die ich 
erwählt habe. Die Gesamtleitung liegt einem aus hervorragenden Persönlichkeiten 
Frankreichs zusammengesetzten Rate ob, während ein internationales und Ozeano- 
graphen aller Länder umfassendes Komitee für Berücksichtigung aller wissen- 
schaftlichen Interessen Sorge zu tragen berufen ist. 
Heute, in einem in der Geschichte des Institutes bisher nicht dagewesenen 
Momente, in dieser Stunde, da alle, welche an diesem Werke mitgearbeitet, sich die 
Hand reichen, im Gedanken auch daran, daß bei meinem Alter meiner Arbeit 
vielleicht bald ein Ende gesetzt ist, gebe ich der Zuversicht Ausdruck, daß alle 
Beteiligten eine Ehre darein setzen werden, auch nach mir im gleichen Geiste 
zu arbeiten, mit dem ich der Wissenschaft in meinem Leben diente, Ich wünsche, 
daß dies mächtige Gebäude die Arbeit der Gelehrten ohne Unterschied schütze, 
Ich hoffe, daß in ihm niemals jemand Befriedigung seiner Eitelkeit suche; und 
sobald zwischen den ragenden Säulen die Festlichkeiten dieser Tage verrauscht 
sein werden, soll Einfachheit, die Gebärerin aller starken Kräfte, hier den Einzug 
halten für alle Zeit. 
Die lebhafte Teilnahme, die meiner wissenschaftlichen Laufbahn von Ihnen 
entgegengebracht wird, erfüllt mich mit Freude, denn sie ist mir ein Beweis, daß 
ich meine Mitarbeiter nicht auf unsichere Wege geführt habe, daß ich vielmehr 
mit ihrer Hilfe ein wenig habe beitragen können zur allgemeinen Aufklärung 
des Menschengeschlechts. 
Ich danke den offiziellen Gesandten, den Delegierten wissenschaftlicher 
Körperschaften, den trefflichen Männern, die aus allen Teilen Europas gekommen 
sind, um einen neuen Zweig moderner Wissenschaft zu fördern, jener Macht, die
	        
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