Ann. d. Hydr. usw., XXXVIIL Jahrg. (1910), Heft V.
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Aufstiege von Pilotballons auf deutschen Handelsschiffen in den Jahren
1906 bis 1908.
(Hierzu Tafeln 26, 27 und 28.)
Bis vor wenigen Jahren war man für die Kenntnis der oberen Luft-
strömungen, abgesehen von theoretischen Überlegungen, fast ganz auf die Beob-
achtung des Zuges der Wolken und die Wahrnehmungen an einigen wenigen
Berggipfeln angewiesen, Diese Beobachtungen haben auf dem festen Lande viele
wertvolle Aufschlüsse geliefert, und ihre Fortsetzung an zahlreichen Orten ist
sehr zu wünschen, wenngleich die Schwierigkeit der Bestimmung der Wolkenhöhe
und die Beeinflussung der Luft durch das Gebirge sie sehr beeinträchtigen, Auf
dem Ozean aber fehlen Höhenstationen gänzlich und sind auch Wolkenbeob-
achtungen, die ja einer festen Visierlinie bedürfen, vom Schiff aus schwierig an-
zustellen und darum, wenigstens in bezug auf die höheren Wolken, ziemlich selten.
In den letzten Jahren hat eine andere Methode Aufnahme an vielen Orten
gefunden, die den Vorteil hat, daß sie die Luftbewegung nicht nur in einer
Schicht, sondern durch einen großen Teil der Atmosphäre kennen lehrt. Es ist
dies die Auflassung von geschlossenen kleinen Gummiballons, die mit einer
Wasserstofffülung bis in sehr große Höhe mit ungefähr gleichförmiger Ge-
schwindigkeit aufsteigen und dann platzen, Diese sogenannten Pilotballons werden
mit Winkelmeßinstrumenten verfolgt, und indem man auf Grund mehrerer vor-
handener Versuchsreihen ihre Höhe aus der Zeit und dem Auftrieb bzw. der
Größe des Ballons berechnet, erhält man aus Azimut, Höhenwinkel und Höhe
des Ballons seinen Ort im Raume und also auch seine Bewegungen so weit, wie
er sichtbar bleibt.
Auf dem Lande dient zur Verfolgung ein eigens dazu gebauter Theodolit,
der gestattet, den Ballon ohne große Ermüdung beständig im Auge zu behalten,
und dadurch bei klarer Luft und schwachen Winden selbst Ballons von nur
1/, m anfänglichem Durchmesser bis zu 6 bis 10 km Höhe zu beobachten. An Bord
ist natürlich eine solche feste Aufstellung nicht möglich und muß die Verfolgung
mittels Sextant und Peilkompaß geschehen. Sie ist selbstverständlich bedeutend
schwieriger; allein wenn man etwas größere Ballons verwendet, so ist sie doch,
bei den scharfen Augen der meisten Seeleute, bis zu recht großen Höhen durch-
führbar und liefert auch da sehr interessante Ergebnisse, Abgesehen von dem
sehr einfachen Füllen und dem Abwägen des Ballons handelt es sich dabei nur
um Operationen, die den Schiffsoffizieren durchaus geläufig sind und daher
schnell und sicher geschehen.
Die Durchführung .des im Jahre 1904 auf der St. Petersburger Zusammen-
kunft der internationalen Kommission für wissenschaftliche Luftschiffahrt von
den Herren Moedebeck und Schokalsky gestellten. Antrags, auf den großen
ozeanischen Postdampfer - Linien meteorologische Drachenaufstiege durch die
Schiffsoffiziere anstellen zu lassen, erwies sich trotz des Entgegenkommens
einiger Linien als zu schwierig; sie hätte nicht nur eines größeren Apparats
Winde, Draht, Drachen und Meteorographen — bedurft, sondern solche
Aufstiege auf Schiffen, die während des Aufstiegs ihren vorbestimmten Kurs
beibehalten müssen, bieten . allzuviel Risiko, und die sachverständige Behand-
lung des Registrierinstruments verlangt Vorbereitung und Übung. Als aber in
den Sommern 1904 und 1905 durch Hergesells Reisen auf der Jacht des
Fürsten von Monaco der Beweis geliefert war, daß sich vom fahrenden Schiff
aus unschwer brauchbare Visierungen von Pilotballons bis zu großen. Höhen
ausführen lassen, bewilligte das Reichs-Marine-Amt der Deutschen Seewarte die
nötigen Mittel zur Ausführung solcher Versuche auf einigen deutschen Handels-
schiffen in weiter Fahrt.
Durch das Entgegenkommen der Reedereien und den Eifer der betreffenden
Kapitäne wurde es möglich, die neue Methode auf folgenden Reisen zwischen dem
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