192
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1910,
Monddistanzmessungen. Die Distanzen brauchen nicht gleichzeitig gemessen zu
werden, wozu zwei Beobachter erforderlich sein würden. Das Zeitintervall muß
aber so kurz (einige Minuten) sein, daß man die Distanzen differentiell mit Hilfe
der genähert bekannten Bewegung des Kometen auf dasselbe Zeitmoment reduzieren
kann. Da sich der Komet sehr schnell bewegt, bilden diese Distanzmessungen
ein gutes Mittel, Übung in solchen Beobachtungen, wozu sich auf hoher See sonst
keine Gelegenheit bietet, zu erlangen. Erschwert wird diese Beobachtung noch
dadurch, daß die Sterne in dem hellen Kopfe des Kometen zu verschwinden
drohen. Die Reduktion der scheinbaren Distanzen auf wahre geschieht in gleicher
Weise wie die Reduktion der Distanzen des Mondes von Fixsternen, Die Parallaxe
des Kometen, die von dem Abstand desselben von der Erde abhängt, ist den
Seefahrern nicht bekannt, die Reduktion der Beobachtungen muß daher auf
spätere Zeit verschoben werden,
Bei Tage kommt als Distanzobjekt nur die Sonne in Betracht, Um noch
eine zweite Standlinie zu erhalten, beobachte man den Kimmabstand des Kometen.
Erforderlich ist, daß bei beiden Beobachtungen derselbe Punkt des Kometen
eingestellt wird, was nicht leicht sein wird. Bei allen Beobachtungen müssen
die Instrumentalfehler sowie der Schiffsort mit angegeben werden,
Kimmabstände verbunden mit einer Kompaßpeilung (in dieser Form sind
die Beobachtungen häufig angegeben) haben keinen Wert, Beobachtungen, die
an die Redaktion dieser Zeitschrift eingesandt werden, sollen mit einer Ephemeride
verglichen und das Ergebnis später bekannt gegeben werden. Wd.
1. Beobachtung der Venus bei Tage. Zu dem Aufsatz in den »Annalen
der Hydrographie« Heft XII über »Beobachtungen von Sternen am Tage« möchte
ich mitteilen, daß das Verfahren, die hellen Planeten Venus und Jupiter zur Be-
stimmung des Schiffsortes auf See am Tage zu beobachten, in der Kaiserlichen
Marine nicht unbekannt ist. Auf den Fahrten $S. M. S. »Vineta« in Westindien in
den Jahren 19038 und 1904 habe ich die Möglichkeit, Venus am Tage zu beob-
achten, von dem damaligen Obersteuermann Herrn Laub (jetzt a. D.) kennen ge-
lernt. Es war also vor 7 Jahren schon ganz bestimmt bekannt, daß sich die Beob-
achtung der Venus am Tage ausführen läßt, Später habe ich mich häufiger, schon
der guten Übung wegen, damit beschäftigt, den Schiffsort am Tage aus Beob-
achtungen von Sonne und Venus oder Jupiter zu bestimmen.
Diese Art der Positionsbestimmungen ist ganz besonders wichtig in dem Falle,
daß ein Schiff in der Nähe der den Küsten vorgelagerten Sänden manövriert,
Das einfache Aufkoppeln der Kurse mit gleichzeitigen Lotwürfen gestattet nicht
den Schiffsort so sicher wie mit Hilfe zweier sich kreuzenden Standlinien zu
bestimmen. Am Tage ist mit der häufigen Beobachtung von Sonnenhöhen allein
nicht so viel gewonnen, wie vielfach angenommen wird. Sind die Beobachtungen
von stark arbeitendem Schiff ausgeführt, so bringt die Schwierigkeit, gute Beob-
achtungen zu erhalten, es mit sich, daß die Standlinien starke Unsicherheiten
zeigen. Sind dann noch die Tiefen der Karte seitlich der Standlinie gleichmäßige,
so gibt auch das Lot keinen sehr sicheren Anhalt, einen Grund oder eine Rinne
anzusteuern. Tritt zur Sonnenstandlinie jedoch noch eine diese kreuzende, aus
Beobachtung der Venus oder des Jupiters gewonnene, und wird außerdem ein
Lotwurf gemacht, so ist die Position mit wesentlich größerer Sicherheit bestimmt.
Der große Vorteil der Beobachtungen von Sternen am Tage liegt deswegen vor
allem darin, daß man mit ihrer Hilfe den Schiffsort in gefährlichen Gewässern,
sowie zur Ansteuerung schlecht sichtbarer Objekte usw. gut bestimmen kann.
Auf hoher See oder auf einer einfachen Fahrt von Hafen zu Hafen ist die Be-
obachtung weniger wichtig, da hier die fortlaufenden Beobachtungen morgens,
mittags und abends, sowie die erforderlichen Lotungen, Deviationskontrollen usw,.,
meistens ausreichende Sicherheit gewähren, Der einzige Umstand, der meiner
Ansicht nach die häufigere Beobachtung der Gestirne bei Tage weniger gebräuchlich
macht, ist, daß sie nicht immer da sind.
Was die Ausführung der Beobachtungen betrifft, so ist diese in der Tat
sehr einfach. Man errechnet für den gegißten Schiffsort Höhe und Azimut des
Gestirns und stellt den gewöhnlichen Oktanten für Nachtbeobachtung mit Doppel-