152 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1910.
Position befand er sich vollkommen in freiem Fahrwasser, das einzige, was in
Sicht war, waren vier kleine Eisberge, jedoch war einige Tage vorher die See
buchstäblich bedeckt gewesen mit Vögeln, so daß Land in nicht allzugroßer
Entfernung zu vermuten war. Weddell wurde am weiteren Vordringen nach
Süden durch den schlechten Zustand seiner Schiffe und seines Proviants ge-
hindert, bei der Rückfahrt hatte er in der Nähe des Polarkreises wieder mit
schwerer Eisgefahr zu kämpfen.
Dumont d’Urville ist es 1837 nicht geglückt, den Eisgürtel zu durch-
brechen, J. C. Ross konnte 1843 auf Weddells Kurs auch das schwere Packeis
nicht überwinden, doch gelang es ihm in 15° W-Lg. bis 71° 30’ S-Br. vorzu-
dringen; Ross war also nicht weit von der Position entfernt, wo Bruce 1904 die
Küsten von Coats-Land sichtete (72° 25’ S-Br., 18° W-Lg.). Bruce traf bei seinem
zweimaligen Vorstoß in das Weddell-Meer gleichfalls sehr verschiedenartige Ver-
hältnisse; noch wechselvoller waren die Eisverhältnisse in diesen Jahren in der
Nordwestecke der Weddell-See: hier wurde im Februar 1903 das schwedische
Expeditionsschiff, die »Antarctic«, vom Eis zermalmt, während im November 1903,
im Frühling des Südjahres, das argentinische Kanonenboot »Uruguay« dasselbe
Gebiet durchfuhr, ohne auf Eis zu stoßen.
Überschauen wir die Verhältnisse mit bezug auf die Pläne der deutschen
antarktischen Expedition. Filchner will mit dem größeren seiner beiden Schiffe
Ende des Jahres 1911 in die Weddell-See vorstoßen, hier je nach den Eis-
verhältnissen nach Süden vordringen, bis die Festlandsküste erreicht ist, Als-
dann soll die Überland-Expedition mit Schlitten, Hunden und sibirischen Ponys,
die sich bei der jüngsten englischen Expedition vorzüglich bewährt haben, aus-
geschifft werden und versuchen, zum Ross-Quadranten vorzudringen, wo das
andere Schiff der Expedition inzwischen eingetroffen ist und ein Proviantdepot
südwärts vorgeschoben hat, um der Durchquerungs-Expedition den Weg zu
kürzen. Die Zugänglichkeit des Roß-Meeres ist erwiesen, so daß, falls nicht be-
sondere Zufälle eintreten, Filchner auf das Proviantdepot rechnen kann. Das
schwierigste wird bleiben, den festen Angriffspunkt an den Küsten des Weddell-
Meeres zu erreichen; daß auch dieses bedeutende Aussicht auf Wahrscheinlichkeit
hat, kann man nach den günstigen Fahrten von Weddell und Bruce nicht in
Abrede stellen. Die Erfolge der Überland-Expedition werden, da die zu durch-
querende Strecke nicht wesentlich größer ist wie der kürzlich von Shackleton
ausgeführte Marsch, hauptsächlich von der Beschaffenheit des Geländes abhängen,
— hier kommt alles auf den Versuch an.
Der Plan Filchners ist wesentlich größer angelegt wie die Pläne der
Engländer und Amerikaner, Sein Plan hat Ähnlichkeit mit den Durchquerungen
Nansens, die uns 1883 bei der Tour quer über das Inlandeis Grönlands die
Kenntnis von dem Grönländischen Hochplateau und bei der Trift durch die
nordpolaren Eismassen die Kunde von einem tiefen Becken zwischen den Nord-
küsten der Kontinente brachten. Sein Angriffspunkt befähigt ihn, zu Schiff in
hohe südliche Breiten vorzudringen, so daß die Schwierigkeit der Verprovian-
tierung nicht größer ist wie bei anderen polaren Problemen, Sein Plan bietet,
wenn er auch in erster Linie auf die rein räumliche Erforschung des Landes
gerichtet ist, den ihn begleitenden Gelehrten ein dankbares Arbeitsfeld. Es sei
nur daran erinnert, daß auf der Fahrt zur Weddell-See eine Fülle ozeano-
graphischer Probleme in der Südwestecke des Atlantischen Ozeans leicht zu
lösen sind, wenn das Schiff rechtzeitig in jene Gebiete gelangt. Die klimato-
logische und erdmagnetische Forschung im Weddell-Quadranten selbst ist ge-
stützt durch die argentinischen Beobachtungsstationen auf den vorgelagerten
Inseln, so daß sie einen erhöhten Wert erlangen. Für die Geologie endlich liegt
das wichtige Problem des Zusammenhangs der Westantarktis mit der Ostant-
arktis vor,
Die bis jetzt Filchner zur Verfügung stehenden Geldmittel nähern sich
einer halben Million, jedoch ist zu erwarten, daß das deutsche Kapital das Unter-
nehmen, das Deutschland seinen ihm gebührenden Platz in der antarktischen
Forschung aufs neue zu sichern bereit ist, stützen wird. Die Schiffe, zwei
Robbenfänger, sind schon in Aussicht genommen; sie sind beide mit Maschinen-
kraft ausgerüstet und haben einen Tonnengehalt von 250 bis 500 Tons. Die