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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1910.
b) Was die Arbeiten von A, Müller angeht, so ist auf den Widerspruch,
der zwischen seinen eigenen richtigen Entwicklungen und seiner wesentlich zu-
stimmenden Beurteilung der Hoffschen Theorie besteht, bereits zu Anfang
(S. 110) hingewiesen,
Seine eigene Auffassung von der Rolle, die die Zentrifugalkraft im Ge-
zeitenproblem spielt, kann man in folgende zwei Sätze zusammenfassen:
»Erstens: die beiden Gleichungen
f — Differenz der Anziehungsbeschleunigungen, ;
f — Anziehungsbeschleunigung + Revolutions - Zentrifugalbeschleunigung
führen im Falle einer Kreisbahn zu denselben Ergebnissen, sie sind beide „mathe-
matisch richtig“,
Zweitens: die erste Gleichung ist „physikalisch falsch“, die zweite da-
gegen „physikalisch richtig“.«
Während gegen den ersten Satz nichts einzuwenden ist, scheint mir die
im zweiten ausgesprochene Unterscheidung bedenklich. Man wird eben im Falle
einer Kreisbahn beide Gleichungen, auch »physikalisch«, anerkennen müssen und
es dem einzelnen überlassen, welche Auffassung er aus irgendwelchen Gründen
bevorzugen will, Anders wird die Sache erst dann, wenn man zu allgemeineren
Bahnkurven übergeht; denn (wie oben auseinandergesetzt ist) auf solche läßt
sich wohl die erste Gleichung übertragen, aber nicht die zweite. Dann kommen
allerdings die Begriffe »richtig« und »falsch« (und zwar nicht nur »physikalisch«,
sondern auch »mathematisch«) zur Anwendung, aber freilich im entgegengesetzten
Sinne, wie Müller meint. Indem dieser die zweite der obigen Gleichungen ver-
allgemeinert, gelangt er zu objektiv unrichtigen Resultaten.
Dies zeigt sich in seiner Besprechung!) der Machschen Darstellung.?)
Gegen sie wird der Vorwurf erhoben, daß sie auch dann anwendbar sei, »wenn
wir uns Erde und Mond auf gerader Linie in beschleunigter Bewegung gegen-
einander begriffen denken,« »trotzdem in diesem Falle offenbar keine Nadirflut
entstehen kann.« Eine Begründung dieser letzteren Behauptung wird nicht
gegeben, und diese ist auch in der Tat falsch. Gewiß, Mach’s Ableitung läßt sich
auf den genannten Fall anwenden; aber dies hat Mach nicht übersehen, sondern
es paßt durchaus in seine Ausführungen hinein. Mach hat auch keineswegs (wie
Müller meint) »die Unrichtigkeit der Basierung der Ableitung ... auf den Fall
der Progressivbewegung in gerader Linie erkannt«; denn er spricht an der be-
treffenden Stelle nur von »gleichmäßiger« Progressivbewegung — hier hat also
Müller etwas übersehen! — und dieser Zusatz ist, wie der ganze Zusammenhang
zeigt, sehr wesentlich. .
In diesem Fall ist es demnach eine Überschätzung und daraus folgende ein-
seitige Verwendung der Zentrifugalkraft, die zunächst zu Unklarheiten, weiterhin
aber zu wirklichen Irrtümern geführt hat.
Das Rechtweiserprisma.
Von Professor H. Maurer.
Um Kompaßpeilungen in rechtweisende Peilungen zu verwandeln, hat man
die Deviation des betreffenden Kurses und die Mißweisung zur Kompaßpeilung zu
addieren, Ist der Kompaß so gut kompensiert, daß seine Restdeviationen ver-
nachlässigt werden dürfen, so ist die anzubringende Korrektion u konstant ==
der Mißweisung; und fährt das Schiff längere Zeit denselben Kurs, so ist auch
für diesen Fall die anzubringende Korrektion u = Mißweisung + Kursdeviation
längere Zeit konstant. In diesen Fällen wäre eine Vorrichtung praktisch, die es
ermöglicht, statt der Kompaßpeilung x direkt stets die rechtweisende Peilung (x + u)
ablesen zu lassen. Man hat dafür die Einrichtung getroffen, den Ablesekreis des Peil-
‘) Beiträge zur Geophysik X. S, 144, 145.
2) Mechanik S. 221 bis 229.