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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 38 (1910)

110 Annalen der Hydrographie und Maritimnen Meteorologie, März 1910, 
fassende neueste, große Arbeit von Helland-Hansen und Nansen‘!) eine Bericht- 
erstattung erfolgen wird, und da endlich die »atlantischen« Gewässer von der 
»Belgica« zwar auch befahren sind, aber doch nicht das eigentliche Arbeitsgebiet 
des Expeditionsschiffes gebildet haben, so wird jetzt von der Diskussion der in 
der Croisiere oceanographigue hierüber enthaltenen Darlegungen abgesehen. 
Sehott. 
Über die elementare Darstellung der fluterzeugenden Kräfte. 
Von Dr. H. v. Schaper, Oberlehrer an der Seefahrtschule in Bremen. 
1. Veranlassung der Arbeit. Aufgabestellung. Bezeichnungen. 
Als Antwort auf die Frage nach der Entstehung der Gezeiten genügt der 
allgemeine Hinweis auf die Anziehung des Mondes und der Sonne selbst in den 
Fällen nicht, in denen es sich darum handelt, in möglichst einfacher Weise ein 
Verständnis dieser Erscheinungen lediglich in ihren Grundzügen zu vermitteln. 
Wenn daher die elementaren Darstellungen der Gezeitenlehre eine befriedigende 
Behandlung aller derjenigen Erscheinungen sich versagen müssen, zu deren 
vollem Verständnis die Hilfsmittel der höheren Mathematik erforderlich sind, so 
sind sie doch größtenteils bemüht, wenigstens die Grundlagen der Theorie, 
nämlich das Vorhandensein, die Richtung und Größe der fluterzeugenden 
Kräfte in strenger Weise zu erörtern. Daß dies in verschiedenen Formen ge- 
schehen kann, ist einleuchtend; auffallen muß es aber, daß man beim Vergleich 
einiger moderner Darstellungen dieses Gegenstandes bisweilen auf wirkliche 
Widersprüche stößt. Während es zum Beispiel an einer Stelle®) (richtig) heißt, 
im Zenitalpunkte des Mondes sei durch seine Anziehung die Beschleunigung der 
Erdanziehung um RE ihres Betrages vermindert, wird an einer anderen 
Stelle®) hierfür der Wert .—_- angegeben, Ein Autor kommt zu dem Ergebnis,*) 
die fluterzeugenden Kräfte seien etwa 240mal größer als die aus der Newtonschen 
Theorie folgenden Werte; ein anderer wieder®) erkennt die zu diesem Resultat 
führenden Betrachtungen als richtig an (indem er nur mit der Form der Dar- 
stellung nicht einverstanden ist), gibt aber trotzdem seinerseits eine Darstellung, 
aus der die (richtigen) Newtonschen Werte folgen. 
Es schien daher keine unnütze Aufgabe zu sein, einmal der Ursache dieser 
wesentlichen Verschiedenheiten nachzugehen und selbst eine Darstellung zu ver- 
suchen, die nach Möglichkeit keinen Raum für Zweifel und Mißverständnisse 
übrig läßt, 
Die gesuchte Ursache liegt, wie mir scheint, im Gebrauche der Zentrifugal- 
kraft. G. H. Darwin gibt in seinem bekannten schönen Buche“) zwei Darstellungen 
der fluterzeugenden Kräfte, bei deren erster die Zentrifugalkraft eine wesentliche 
Rolle spielt. Wenn nun auch gegen die Richtigkeit der Darwinschen Aus- 
einandersetzungen selbst kein Einwand erhoben werden kann, so haben sie doch 
vielleicht den Anlaß zu Fehlern gegeben, die nach Darwin andere gemacht 
haben. Die an den Gebrauch des Wortes Zentrifugalkraft in der Gezeitenlehre 
sich knüpfenden Mißverständnisse sind von zweierlei Art: gröbere, die durch 
Nichtbeachtung der von Darwin selbst klar erläuterten Bewegungsart »Revolution 
ohne Rotation« entstanden sind, und feinere, die den Begriff der Zentrifugalkraft 
tiefer berühren. Erstere (hierher gehört auch die anfangs erwähnte Darstellung 
\ Siehe oben S. 105, Fußiote %. 
>” F, Bidlingmaier, Ebbe und Flut. Berlin 1908. 
\ E, Grimsehl, Lehrbuch der Physik. Leipzig und Berlin 1909. S. 202 bis 204. - 
') E. Hoff, Elementare Theorie der Sonnentiden, »Ann. d, Hydr usw.« 1907, S. 122 bis 130. 
5) Aloys Müller, Zur Theorie der Entstehung der Tiden. Beiträge zur Geophysik, X. 
Leipzig 1909. S. 125 bis 151. 
S) G. H. Darwin, Ebbe und Flut. Deutsch von A. Pockels. Leipzig 1902. 8. 79 bis 92.
	        
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