Kohlschütter, E.: Betrachtungen über Höhenstandlinien im allgemeinen und ihre Anwendung usw. 73
für einfacher und sicherer als die Berechnung nur eines Bestimmungspunktes
und Anwendung der Gleichungen (6) oder (7); denn wenn auch die Entnahme
von ec, und 6, aus der Isogonenkarte einfach ist, so können bei der Bestimmung
der Vorzeichen der einzelnen Posten in den Nennern der rechten Seiten der
ersten Gleichungen der Systeme (6) und (7) leicht Fehler unterlaufen, Ferner
muß man zwei Fälle unterscheiden und entweder (6) oder (7) anwenden, je nach-
dem, ob das Gestirn näher zum Ersten Vertikal oder näher zum Meridian steht.
Dieser letztere Nachteil ließe sich vielleicht vermeiden durch eine zeichnerische
Lösung wie auf See und Konstruktion der Standlinie und des wahrscheinlichen
Ortes in der Karte. Dem steht aber entgegen, daß nach Marcuse,*) der in bezug
auf die praktische Ausführung der Arbeiten im Ballon wohl die größte Erfahrung
besitzt, das Hantieren mit Lineal und Zirkel auf einer Karte in der Gondel nicht
angebracht ist. Berechnet man @—g, immer aus der ersten Gleichung des
Systems (6), 14—4, immer aus der ersten Gleichung des Systems (7), So fällt die
Unterscheidung der beiden Fälle allerdings fort; man hat aber dann zwei drei-
gliedrige Nenner zu berechnen. .
Zugunsten der Sehnenmethode spricht außerdem, daß bei der Berechnung
des zweiten Bestimmungspunktes die allein von h und ö abhängigen Funktionen
und Ausdrücke dieselben sind wie bei der Berechnung des ersten Bestimmungs-
punktes; ferner der Umstand, daß bei der Sehnenmethode das brauchbare Stück
der Standlinie länger ist als bei der Tangentenmethode, was wegen der großen
Unsicherheit des gegißten Ortes von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.
Trotzdem halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß die Tangentenmethode sich
auch für den Ballongebrauch derart verbessern und praktisch ausgestalten Jäßt,
daß sie der Sehnenmethode vorzuziehen sein würde.”) Solange dies aber nicht der
Fall ist, gebe ich der Berechnung der Standlinie als Sehne den Vorzug.
2, Ein Rechenstab für die Variation des Winkels am Gestirn,
In meinem ersten Aufsatze habe ich bereits darauf hingewiesen, daß von
den verschiedenen Methoden, die dort zur Berechnung des wahrscheinlichen
Ballonortes mit Hilfe der Sehnen-Standlinie angegeben sind, die Variation des
Winkels am Gestirn mehrere Vorteile gegenüber den anderen aufweist. Es ist
bei dieser Methode in allen Fällen ein und dasselbe Formelsystem oder sonstiges
Verfahren zur Ermittlung der Bestimmungspunkte anzuwenden; das Verfahren
versagt in keinem der Fälle, wo überhaupt ein wahrscheinlicher Ballonort nach
der hier gegebenen Definition existiert; die Berechnung der halben Länge der
begrenzten Standlinie ist besonders einfach.
Das Poldreieck ist bei dieser Methode durch zwei Seiten (90° — 0), (90° — h)
und den eingeschlossenen Winkel (q) bestimmt. Da die sämtlichen übrigen drei
Stücke für die Weiterrechnung gebraucht werden, so ist die Auflösung mittels
der Napierschen Analogien zweckmäßig, und da die Arbeit somit auf die Be-
rechnung von Proportionen hinauskommt, so empfiehlt sich die Anwendung des
Rechenstabes, da ‘dieser für Proportionen besonders geeignet ist. Es kommt
hinzu, daß die gesuchten Stücke bei den Napierschen Analogien aus Tangenten
und Kotangenten bestimmt werden, woraus sich für die Genauigkeit der Ablesung
auf dem Stab möglichst günstige Verhältnisse ergeben.
. Um den Stab auch für diejenigen Fälle brauchbar zu machen, wo die
Breite mit Hilfe des Polarsterns oder magnetisch mittels Inklinations- bzw. In-
tensitäts-Messungen bestimmt ist, und die Länge aus einer Gestirnshöhe in der
Nähe des Ost-West-Vertikals berechnet werden soll, habe ich die erforderlichen
Skalen zur Auflösung der bekannten Stundenwinkelgleichung
(8) sin? £ — sin 4". sin“ .s00gp-s00 6
; A.Marcuse, Astronomische Ortsbestimmung im Ballon. Berlin 1909. Georg Reimer. S. 24.
2) Herr Oberstleutnant v, Kobbe hat in einem demnächst erscheinenden Aufsatze dieser
Methode eine solche Gestalt gegeben, daß sie sich für die praktische Berechnung des Ballonortes
nunmehr ebenfalls eignet. (Anm. b. d. Korrektur.)