556 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1009.
Diese Kraft ist das Phänomen von Ebbe und Flut im Ozean, welche Erscheinung
wie ein Pulsschlag wirkt, demzufolge die Flutwelle dem Unterstrom größere Ge-
schwindigkeit verleiht und das in demselben entstandene Mischungswasser durch
die Meerenge hineinpreßt; dies geschieht durch Zusammenpressung der
Grenzschichten, wenn die Flutwoge darunter hinwegeilt; der Ausfluß des balti-
schen Stromes kann ungehindert stattfinden, jedesmal, wenn der Unterstrom
während der Ebbe fäüllt,«
In dieser zusammenfassenden Erklärung erscheint mir indes die Annahme
einer »Zusammenpressung« anfechtbar. Eine solche kann wohl nur schein-
bar vorliegen, In Wirklichkeit könnte es sich vielleicht folgendermaßen verhalten,
Zur Fluttide herrscht in dem Wasserquerschnitt des Belt der relativ steilste Ver-
tikalgradient des Salzgehalts, infolgedessen im ganzen die dichteste Scharung der
[sohalinen, besonders aber wird diese Verdichtung sich in jener Zwischenschicht
des Stromsystems bemerkbar machen, in welcher der Mischungsvorgang sich
abspielt. Dieser also dürfte es wohl sein, der die für die Zwischenschicht charak-
teristischen Grenzlinien von 26 und 30%. einander nähert und so das Bild einer
Zusammenpressung bietet.
Auch im übrigen will mir die nähere Erklärung, die Pettersson den neu
erkannten und zweifellos sehr bedeutungsvolilen Erscheinungen gibt, oder min-
destens die Formulierung seiner Erklärungen teilweise etwas weitgehend und leicht
zu Mißverständnissen führend erscheinen, und es sei mir gestattet, rückblickend
meine Auffassung der gesamten Erscheinungen nebst einigen Bemer-
kungen zu Petterssons Ausführungen hier zu geben, weniger in der ÄAb-
sicht einer Kritik als einer Ergänzung und Klärung der interessanten .und
anregenden Theorien,
Die Anschauung von einem im ganzen vorhandenen Reaktionsstrom-
system in dem Binnenmeer der Ostsee, das, selbst von Süßwasser reichlich ge-
speist, an ein stark salziges Meer in enger Verbindungsstraße grenzt, ist wohl
nach wie vor unenthehrlich. Diese aber bisher nur rohe und allgemeine Auf-
fassung wird durch die von Pettersson am Eingang zur Ostsee festgestellten Tat-
sachen spezialisiert und verfeinert, vor allem durch den Nachweis, daß über
der Verbindungsschwelle der auswärtssetzende Strom allein ständig vorhanden ist,
während das Einströmen des Unterwassers nur ruckweise vor sich geht und
gleichzeitig der Öberstram in seiner Mächtigkeit und Stärke variiert, Es ist
dies meines Erachtens morphologisch begründet und zwar in der Seichtigkeit
der Schwelle, Den Ruck nun für den Unterstrom gibt die Nordseetide. Von ihr
sagt Pettersson: »Die Flutwelle der Nordsee und der norwegischen Rinne pflanzt
sich, wenn sie die Mündung des Skagerraks erreicht, hauptsächlich in denselben
Wasserschichten, in denen sie sich bis dahin bewegt hat, fort und wird unter-
zeeische Welle, Als solche dringt sie ins Kattegat und die Ostsee ein« Das
könnte die Auffassung nahe legen, als ob die Flutwelle sich an die »Wasser-
schichten« nach deren verschiedener physikalischen Natur (Salz und Temperatur)
nefte, eine Annahme, die mir nicht zwingend erscheinen würde, Die Flutwelle
Jürfte vielmehr in die ganze Wassermasse sich unverändert fortzupflanzen
streben; der Endeffekt der Bewegung aber, welche die Wassermasse nunmehr
erlangt, hängt davon ab, welche anderen Elemente der Bewegung sich dem Ge-
zeitenelement zugesellen zu einem Kräfteparallelogramm. Nun herrscht in der
Wassermasse des Belt, wenigstens in den an Tiefe zunehmenden Regionen im Norden
davon, eine Tendenz zur auswärts gerichteten Bewegung oben und eine entgegen-
gesetzte unten, Diesem unabhängig vorhandenen Element eines Reaktionsstrom-
zystems superponiert. sich das des heranrückenden Flutstroms zu einem Gesamt-
effekt, der in den oberen und unteren Schichten verschieden ausfällt, indem
der auswärts setzende Oberstrom gehemmt, der entgegengesetzte Unterstrom aber
verstärkt wird.) An einer anderen Stelle (als in dem oben zitierten zusammen.
«) Das ist eine Erscheinung analog der, welche z. B. W. Bell Dawson in der Belle Isle
Straße durch. viele Strommessungen festgestellt und an Kurven veranschaulicht hat, daß der Gezeiten-