Ann. d. Hyar. usw., XXXVII Jahrg, (1909), Heft XH.
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Die Stürme im südlichen Indischen Ozean,
eine Untersuchung ihrer Häufigkeit, Anfangsrichtung, Dauer, Winddrehung
und Luftdruckverhältnisse.
Von Theodor Pollitz,
(Hierzu Tafeln 38 und 39.)
Die ersten Bearbeitungen über die Stürme im Indischen Ozean gehen von
den Niederländern und Engländern aus, den beiden Nationen, die am meisten
auf die Durchkreuzung dieses Weltmeeres angewiesen waren; britische und
holländische Seeleute haben in ausführlichen Untersuchungen u, a. die Stürme
am Kap der Guten Hoffnung,!) die tropischen Örkane bei Mauritius und die
Sturmverhältnisse im Bengalischen Meerbusen beschrieben. In letzter Zeit haben
auch die Beobachtungen der deutschen Kriegs- und Handelsmarine derart an
Zahl zugenommen, daß man sie Erfolg versprechenden Untersuchungen zugrunde
legen konnte, Die von deutscher wie von außerdeutscher Seite bisher heraus-
gegebenen Abhandlungen über diesen Gegenstand sind fast sämtlich Spezial-
studien, die sich auf kleine Gebiete des Indischen Ozeans beschränken und für
diese die Eigenart der Stürme erörtern; sie bezwecken, dem Seemann an einer
Reihe von Beispielen eine theoretische Anleitung über die Manöver zu geben,
die ihn möglichst gefahrlos durch den Sturm hindurchführen oder ihn unter
Umständen den stürmischen Wind zur raschen Weiterfahrt ausnutzen lassen können,
Das Material, auf welchem alle Einzeldarstellungen fußen, war für eine zu-
sammenfassende Untersuchung, wie sie z. B. für den Atlantischen Ozean% an-
gestellt worden ist, nicht einheitlich genug. Im folgenden soll nun aber der
Versuch gemacht werden, eine auf neuestem, bisher unbearbeitetem Rohmaterial
aufgebaute Gesamtdarstellung der Stürme im Indischen Ozean zu geben,
Außer seiner natürlichen Begrenzung durch den afrikanischen und austra-
lischen Kontinent wurde das zu untersuchende Meeresgebiet im Norden durch
den Äquator, gegen das Austral-asiatische Mittelmeer durch die Inseln Sumatra,
Java, Bali, Lombok, Sumbawa, Sumba und den 121. Meridian östlicher Länge
abgegrenzt; außerdem wurde als Grenze gegen den Atlantischen Ozean der
10.° Ö-Lg., gegen den Stillen Ozean der 150.° O-Lg. gewählt. Die südlichsten
Beobachtungen fallen auf 50° S-Br.
Die Untersuchung der Sturmverhältnisse in dem so abgegrenzten südlichen
Indischen Ozean zerfällt in zwei Teile, deren erster das zahlenmäßige Auftreten
der Stürme, also die Sturmhäufigkeit in ihren Örtlichen und zeitlichen Ver-
schiedenheiten zu behandeln hat, während der zweite Teil sich vielmehr dem
inneren Wesen der Stürme, also den Eigentümlichkeiten in ihrer Richtung, Dauer
und Winddrehung zuwenden wird. Dieser Zweiteilung des Themas mußte sowohl
bei der Auswahl des Materials, auf welchem die Bearbeitungen aufzubauen waren,
als auch bei den anzuwendenden Untersuchungsmethoden Rechnung getragen werden,
so daß beide Teile getrennt behandelt werden mußten. In den Ergebnissen werden
sich dagegen oft Beziehungen zwischen ihnen feststellen lassen,
1. Die Häufigkeit der Stürme.
Bei der Berechnung der Sturmhäufigkeit sind die Angaben der neuesten
Segelschiffsjournale zu Rate gezogen. Aus den in den Jahren 1900 bis 1907 bei
der Deutschen Seewarte eingelieferten meteorologischen Tagebüchern deutscher
Segelschiffe, die den Indischen Ozean im seinen oben festgelegten Grenzen be-
fahren haben, sind 129526 Beobachtungen über Windstärke ausgezogen und
3) Capt. H. Toynbee: Report on the gales experienced in the Ocean district adjacent. to the
Cape of good Hope (between latitude 30° and 50° 8, and longitude 10° and 40° E.}, London 1882,
2 Deutsche Seecwarte: Atlantischer Ozean, ein Atlas als Beilage zum Segelhandbuch,
Hamburg 1902. (Siehe d. Tafel 25 und den erläuternden Text zu Tafel 25, S. 5.)
Ann. d. Hydr. nsw. 1909, Heft XII