Anschütz-Kaempfe: Der Kreisel-Kompaß.
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sprochen, die einen pendelnd aufgehängfen Kreisel veranlassen, seine Rotations-
achse in die Nord—Südrichtung einzustellen, und zwar so, daß seine Drehrichtung
dieselbe wie die der Erde ist, Von einer näheren Erläuterung hiervon will ich
heute absehen. und statt dessen die Eigenschaften eines solchen. Kreisels berühren,
die den Schiffsführer interessieren und mit denen er in der Praxis zu rechnen hat,
Abgesehen davon, daß der Kreiselkompaß nach dem wahren Norden weist,
ist in erster Linie seine lange Schwingungsdauer im Gegensatz zum Magnet-
kompaß zu beachten. Wie Herr Dr. Martiensen in der »Physikalischen Zeit-
schrift« (Jahrgang 7, Nr. 15) dargelegt hat,!) ist ein kurz schwingender Kreisel
nicht zu Steuerzwecken zu gebrauchen, da er durch seinen tiefliegenden Schwer-
punkt von den Schiffsbewegungen in 8o starke Schwingungen versetzt werden
kann, daß nach ihm nicht mehr zu steuern ist. KEs ist also notwendig, die
Schwingungsdauer durch Höherlegung des Schwerpunktes so zu vergrößern, daß
die Ausschläge durch starke Schiffsbewegungen eine Größe nicht überschreiten,
die seine Weisung fühlbar beeinträchtigt, Als praktisch hat sich eine Schwingungs-
zeit von mindestens 60 bis 100 Minuten herausgestellt.
Um den langsam um den Meridian schwingenden Kreisel für Steuerzwecke
brauchbar zu machen, ist es nötig, seine Schwingungen zu dämpfen, Hierin
liegt die erste Analogie zum Magnetkompaß, nur mit dem Unterschied, daß man
bei der kurz schwingenden Magnetnadel die Flüssigkeitsreibung als Dämpfung
verwenden kann, was bei dem langsam schwingenden Kreisel nicht zulässig ist,
da hierdurch Schleppfehler eintreten würden, Der Kreiselkompaß verwendet
daher die Reaktion eines Luftstrahls, den er durch seine schnelle Rotation ge-
winnt, zur Dämpfung seiner Schwingungen, wie dies im Jahresbericht der Schiff-
bautechnischen Gesellschaft beschrieben ist.
Der Schiffsführer hat also stets zu beachten, daß der Kreiselkompaß erst
geraume Zeit nach dem Anlassen (etwa 2 Stunden) seine Meridianlage erreicht
hat, und daß er bei einer eventuellen Ablenkung stets nur innerhalb seiner
Schwingungszeit seine Nullage wieder einnimmt. Bei guter Aufstellung, d.h. an
einem Teile des Schiffes, welcher nicht zu große Bewegungen bei Seegang ausführt
und durch die Erschütterungen von Maschine oder Propeller nicht zu stark
vibriert, treten jedoch keine Ablenkungen ein, die die Grenzen der Beobachtungs-
fehler überschreiten, Als Steuerkompaß ist der Kreiselkompaß dem Magnet-
kompaß unter allen Umständen überlegen, da er infolge seiner langen Schwingungs-
dauer die zeringste Abweichung des Schiffes aus dem gewollten Kurs sehr genau
erkennen läßt, Die Praxis hat ergeben, daß ein gerader Kurs besser und mit
weniger Ruderlegen zw erreichen war, wenn nach dem Kreiselkompaß ge-
steuert wurde.
Ahnlich der Deklination des Magnetkompasses, die sich mit der Örts-
veränderung ändert, hat der Kreiselkompaß auf verschiedenen Breiten eine
andere Weisung; nur liegen bei ihm die Verhältnisse insofern günstiger, als sich
diese Größe, Abdrängung genannt, nur mit der Breite, hier aber gleichmäßig
und. um eine rechnerisch bestimmbare Größe ändert. Schließlich bleibt diese
Größe unterhalb 5°
Abdrängung für einen Apparat, der auf die Breite von Kiel reguliert ist.
60° nördlicher Breite + 0.4° 0° nördlicher Breite — 1,8°
50° 30° x * +0 20° südlicher « —23
40° $ * — 0,7 40° x * — 2.9
20° « « — 1.3 50° .« « 40
Eine zweite Veränderung der Nullage des Kreiselkompasses wird durch
die Eigengeschwindigkeit des Schiffes für alle Kurse herbeigeführt, die nicht Ost
oder West sind. Durch diese wird nämlich der Kreisbogen im Weltraum, welchen
das Schiff allein durch die Erdrotation in der Öst—Westrichtung vollführt, ver-
lagert. Bei Ost- oder Westkurs bedeutet die Fahrt des Schiffes nur eine Ver-
mehrung oder Verminderung der Richtkraft, die jedoch ohne merkbaren Einfluß
4 Siehe auch »Ann. d. Hydr. usw. 1906 8. 540€.