492 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1005,
Mastspitzen zu erkennen waren. Der Abstand von den in der Nähe befindlichen
Bojen wurde erheblich unterschätzt,
Betrachtet man die gewöhnliche Spiegelung an einem ruhigen, klaren
Sommermorgen, der nach einer wolkenlosen, sternklaren Nacht anbricht, so sieht
man die Gegenstände eines entfernten Ufers nach unten zu gespiegelt (vel
‚Ann, d, Hydr. usw.« 1905 3, 160), In diesem Falle lagert eine durch un-
gehinderte Ausstrahlung stark abgekühlte obere Luftschicht über einer schr
dünnen, erwärmten Luftschicht, die ibre recht beträchtlich höhere Temperatur
von der weniger schnell abkühlenden Wassermasse unter ihr zugeführt erhält,
Der Strahlenzang von den Gegenständen am anderen Ufer zu dem Auge des
Beobachters ist in diesem Falle ein umgekehrter, als der gewöhnliche, bei dem
die Luft vom Meere (oder von der Erde) nach oben zu zwar auch, aber in sehr
allmählicher Abstufung kälter und zugleich dünner und dadurch weniger brachend
wird. Die dünne, über dem Wasser lagernde, warme Luftschicht verursacht in
diesem Falle eine Umkehrung des Strahlenganges und eine Spiegelung nach
unten. — Wenn nun das umgekehrte Verhältnis vorherrscht und eine stark er
wärmte Luftschicht über einer durch das bedeutend kältere Wasser ebenfalls an-
dauernd kühl gehaltene Luftschicht lagert, so tritt alsdann auch eine Spiegelung
nach oben ein, was ja auch tatsächlich von 5, M, S, »Zieten« aus so vorzüglich
beobachtet und beschrieben worden ist. Aber wir haben es hier nicht nur mit
einer einfachen Spiegelung sondern auch mit einer Hebung der Kimm zw tum
(Die ausführlichen. Beschreibungen und Erklärungen der einzelnen getrennten
Erscheinungen »Spiegelung«, »Hebung« und »Senkung« der Kimm finden sich
in dem schon angezogenen Artikel dieser Zeitschrift, Jahrg, 1905) Oberleutnant
Heinemann berichtet, daß die deutlich erkennbare, erhitzte, wogende, weißliche
Luftschicht mindestens 4 m hoch zu beobachten war, Man wird aber nicht fehl
gehen, wenn man dieser Schicht, da sie das Bestreben hat, nach oben zu steigen,
eine größere Mächtigkeit zuerkennt, als mit dem Auge allein beobachtet werden
konnte, Da die Beobachter auf der 6,5 m hohen Kommandobrücke von S, MS
‚Zieten« oder auf Deck standen, so kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen,
daß sie sich in der erhitzten Luftschicht befanden, und für sie muß dann auch
eine, den ungewöhnlich starken Temperaturunterschieden zwischen Luft in Auges-
höhe und Luft direkt über Wasser, entsprechende, beträchtliche Hebung der
Kimm vorhanden gewesen sein, was die vorliegenden Beobachtungen ja gleich-
falls bestätigen. Ob aber die um 27 höhere Kimm nur allein durch »Hebhung«,
oder durch »Spiegelung«, was letzteres am wahrscheinlichsten. jst, über die
niedrigere Kimm gehoben erschien, läßt sich vorerst noch nicht ermifteln, die
Tafel II von Koß und Thun-Hohenstein (vgl. »Ann, d. Hydır. usw.« 1901 S. 167)
reicht im vorliegenden Falle zur Entnahme der Kimmtiefenkorrektion und zum
Vergleich mit der gemessenen Kimmtiefe nicht aus, Wahrscheinlich liegen die
Verhältnisse in diesen und ähnlichen Fällen noch verwickelter, als hier aus-
einandergesetzt werden konnte; z.B, würde man mit Sicherheit ein ganz anderes
Bild der Erscheinungen erhalten, die Spiegelungen und Verzerrungen der Formen
an den Gegenständen nicht wahrgenommen, ja selbst die hinter dem Horizont
befindlichen Schiffe nicht gesehen haben, wenn sich ein Beobachter über der er-
hitzten Luftschicht etwa in der Mars oder in der Höhe der Bramsaling befunden
hätte, Diese Behauptung beruht nicht allein auf Kombination der herrschenden
physikalischen Verhältnisse für den vorliegenden Fall, sondern sie ist auch unter
ähnlichen Brechungsverhältnissen allgemein gültig, wie die einwandsfreien Beob-
achtungen von Kapitän Reinicke zu Neufahrwasser von 1899 bis 1901 (vgl.
‚Ann. d. Hydr. usw. 1903 S. 558 bis 559) beweisen. Reinicke konnte mehrfach
feststellen, daß die Spiegelung oder Hebung der Halbinsel Hela nur in bestimmter
Augeshöhe sichtbar war, während von einem höheren Standpunkte aus alles sein
zewohntes Aussehen hatte. Es ist für die Beobachtung dieser Phänomene von
hohem Wert zu wissen, daß im Bereiche der anormalen brechenden Luftschichten
Spiegelungen auftreten und mitunter Gegenstände zu sehen sind, die gewöhnlich
hinter dem Horizont liegen müßten, die bei einem höheren Standpunkte wieder
verschwinden oder erst bei einer sehr viel größeren Augeshöhe wieder ungespiegelt