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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1908,
eine Minute, um so eine Nebenmeridianbreite auszurechnen. Die Bedingungen
für die Zulässigkeit dieser Methode sind in der Praxis meist immer erfüllt,
Hier mag noch bemerkt werden, daß man in der Praxis bei Nebenmittagsbreiten
der Sonne wohl im allgemeinen den Stundenwinkel nur auf ganze Minuten in
Rechnung setzt und ihn (mit einer allenfalls kleinen Berichtigung für Verseglung)
direkt von der auf W.O.Z. (für den Mittag) gestellten Schiffsuhr und nicht
vom Chronometer abliest. Es steht dies im Widerspruch mit den oft recht
komplizierten Zeit- und Uhrbeschickungen der Examensaufgaben.
Außer Längen- und Breitenberechnungen kommen bei der täglichen Navi-
gyation von den astronomischen Aufgaben wohl nur noch Azimute in Frage. Daß
dabei die am häufigsten vorkommenden »Zeitazimute« in der seemännischen
Praxis nicht mehr trigonometrisch berechnet, sondern stets Tafeln entnommen
werden, ist bekannt. Bekannt ist aber auch, daß gerade in der Schulnautik die Be-
rechnung dieser Zeitazimute noch eine große Rolle spielt und ihre rechnerische
Lösung in den Prüfungsaufgaben sogar als Bedingungsaufgabe figuriert, Die
allgemeine Verwendung der verschiedenen Azimuttafeln (besonders Labrosse,
Burdwood-Davis und Ebsen), deren älteste immer noch bedeutend jünger als
die Standlinientheorie ist, beweist besser als alles andere, daß der konservative Sinn
der Seeleute, wie heute die enragierten Standlinientheoretiker so gerne behaupten,
absolut nicht so reaktionär ist, daß er eine neue Rechnungsart, die wirklich
wesentliche Vorteile bietet, ablehnt, nur weil sie neu ist, Dabei ist zu bedenken,
daß bis in die jüngste Zeit die jungen Navigateure die erwähnten Azimuttafeln
erst durch die Praxis in ihrer Anwendung kennen lernen mußten. In den Schulen
gehörte die »Kenntnis der wichtigsten Azimuttafeh« weder zu den obligatorischen
Unterrichts- noch Prüfungsgegenständen. Erst seitdem die neuen Prüfungsvor-
schriften in Kraft sind (1. VIL 04), vermitteln die nautischen Tafelsammlungen
den Schülern wenigstens den Gebrauch der kurzen ABC-Tafeln, die aber in der
Praxis die »fertigen« Azimuttafeln wohl niemals verdrängen werden,
Ich habe hier an den drei wichtigsten Aufgaben der astronomischen Steuer-
mannskunst zeigen wollen, wie Theorie und Praxis in ihren Rechenmethoden zum
Teil wesentlich verschiedene Wege wandeln. So verschieden, daß der eben von
der Schule entlassene junge Steuermann, besonders wenn ihn das Glück gleich auf
zinen großen Dampfer führt, die Theorie im ersten Augenblick in der Praxis gar
nicht wieder erkennt.
Es konnte sich hier nicht darum handeln, allgemein bekannte Wahrheiten
wiederzugeben und z. B. wieder zu beweisen, wie die Theorie an den alten
Methoden der korrespondierenden Sonnenhöhen und der Außenmittagsbreite noch
festhielt in einer Zeit, in der die Praxis diese Aufgaben schon vergessen hatte.
Wir erleben denselben Fall augenblicklich wieder mit der Monddistanz, Alle
Bemühungen der Monddistanz-Liebhaber werden das endgültige Verschwinden
dieser Aufgabe in der Praxis nicht verhindern können.
Ebenso wenig konnte es sich in dieser Abhandlung darum handeln, in den
Grenzgebieten der astronomischen Nautik den feinsten Differenzen zwischen
Theorie und Praxis nachzuspüren. Es gibt hier Divergenzen, die scheinbar sehr
klein sind, in Wirklichkeit aber tief greifen und Fälle, in denen die Theorie
stolz auf ihre Methoden ist, während die Praxis abseits davon intuitiv schon
neue Methoden und andere Richtungen ausbaut, Aber diese Feinheiten lassen
sich nicht mit einer Deutlichkeit zeigen, wie es für eine solche Abhandlung
wünschenswert ist, und dann gilt davon noch mehr wie von dem Gesagten die
alte Erkenntnis, die sich jedem aufdrängt, der sich mit dem Studium der Ent-
wicklung irgend einer Wissenschaft beschäftigt: »alles fließt«. Und aus diesem
Grunde ist es wohl auch unnötig, hier nochmals auf all das Relative und
Schwankende hinzuweisen, das naturgemäß auch dem Gesagten anhaftet.