Krauß, J.: Moderne Nautik in Theorie und Praxis,
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Es ist merkwürdig, daß weder unsere neuen Lehrbücher der Nautik diese
in der Praxis angewandte Verwendung der »u-Werte« anführen noch die Prüfungs-
zufgaben, die doch alle Fälle der Praxis zu treffen suchen, dieselben in ihr
Bereich ziehen. Es wäre zweifellos in mancher Hinsicht gut, wenn die Theorie
nicht einfach achtlos an dieser Gepflogenheit der Praxis vorbeiginge,
Nach der Länge die Breite, Auch hier gilt, daß Meridianhöhen von Mond,
Planeten und Fixsternen, die sich in den nautischen Lehrbüchern immer ganz
famos ausnehmen, in der Praxis selbst auf den bestgeführtesten Schiffen nur
recht selten gebraucht werden, persönliche Liebhaberei des Kapitäns oder des
betreffenden Navigationsoffiziers ausgenommen, An Bord unserer gut navigierten
Dampfer herrscht heute wohl allgemein die Mode, das Mittagsbesteck während
der Vormittagswache im voraus zu berechnen, so daß mittags die ganze Rechen-
arbeit sich in wenigen Minuten erledigt, Auf unseren großen Passagierdampfern
Jer Nordatlantischen Fahrt, wo mittags die Passagiere mit erwartungsvollster
Aufmerksamkeit die »Track-charts« umlagern, versteht sich die Einführung
dieses Modus ganz von selbst. Ich habe auf unseren Schnelldampfern folgende
Methode in Anwendung gesehen, die sich wahrscheinlich auch auf vielen anderen
Dampfern, wenigstens denen unserer größten Reedereien, eingebürgert haben
wird, Bei der Vorausrechnung vormittags wird auch gleich mit der gegißten
Mittagsbreite die wahre Höhe der Sonne berechnet und daraus der Kimmabstand
derselben abgeleitet, Ich erinnere mich noch recht gut der jeden Mittag regel.
mäßig wiederkehrenden Frage meines Kapitäns: »Wie hoch soll sie konmen?«
Es ist klar, daß jetzt auch die eigentliche Mittagsbreitenrechnung wegfallen
kann, denn die Anzahl Minuten, die man die Sonne höher oder niedriger wie
vorausberechnet beobachtete, ist eben gleichbedeutend mit ebensoviel Minuten
Nord oder Süd Breitenberichtigung (oder was hier dasselbe istı Besteck-
versetzung).
Dasselbe gilt von. den Nordsternbreiten, Der Kimmabstand des Nordsterns
wird für eine gewisse Uhrzeit vorausberechnet und am Instrument eingestellt,
Gelingt die Beobachtung zu dieser Zeit, so hat man sofort die Minuten-Breiten-
versetzung. Verschicht sich. aber die Beobachtung infolge auftretender Bewölkung
oder aus anderen. Gründen um 10 bis 15 Minuten, so hat man noch immer den
großen Vorteil, den in der Dämmerung nur schwach schimmernden Nordstern
nicht erst herunterholen zu müssen, was häufig nicht sehr einfach ist. ;
Daß an Bord all der Schiffe, auf denen Nebenmeridianbreiten der Sonne
zu den täglichen Beobachtungen gehören, diese Rechnung mittelst Tabellen. aus-
geführt wird, ist bekannt und selbstverständlich. Man kann diesen Satz für die
Praxis auch umkehren und sagen: da, wo derartige Tafeln an Bord im Gebrauch
sind, werden Nebenmeridianbreiten bald tägliche Beobachtungen werden, wo
nicht, wird man sich dieser Beobachtungen nur im Notfalle bedienen, Ältere
Kapitäne, die gegen solche immerhin »moderne« Tafeln ein gewisses Mißtrauen
hegen, verwenden noch mit Vorliebe zur Nebenmeridianbreiten-Berechnung die
Kulminationssekunden.
An Bord unserer großen Schnelldampfer werden bei richtigem Neben-
meridian-Breitenwetter, wenn etwa die Sonne immer nur für wenige Sekunden
durch Wolkenlücken strahlt oder wenn niedrige Nebelbänke die Kimm in wechsel.
vollem Spiel bald näher bald entfernter erscheinen lassen, oft 8 bis 10 solche
Beobachtungen in selten mehr als doppelt sovielen Minuten gemacht. Der arme
4. Offizier, der alle diese Beobachtungen nach einer der bekannten Formeln der
Lehrbücher ausrechnen sollte! Ich habe an Bord eines solchen Dampfers, dessen
Kapitän mit Tafeln auch nicht gern etwas zu tun haben wollte, eine Rechen-
methode gelernt, die ganz außerordentlich einfach ist. Bei der vormittägigen
Vorarvsberechnung des Bestecks wurde nämlich mit der gegißten Breite für den
Mittag, der Deklination der Sonne im Mittag und der daraus folgenden Mittags-
höhe der Sonne nach der Formel cos g@-cosö-sech, immer ein sogenannter
log constant mit rorausberechnet. Wird nun eine Nebenmeridianhöhe beobachtet,
so braucht man nur den log semt zum log eonst, zu addieren, um sofort
log sin 5 zu erhalten. Selbst für den langsamsten Rechner genügt dann wohl