166 Annalen der Hrrdrographie und Maritinen Meteorologie, Oktober 1908,
stets noch die errechnete Länge mit der Bestecklänge (im Augenblicke der Be-
obachtung) verglichen, Diese letztere mag auf unserem im Nordatlantischen
Ozean auf westlichem Kurse segelnden Dampfer 29° 6’ W sein. Die nun durch
Vergleich erhaltenen 9‘ W sind der einzige Wert, der den Navigateur interessiert,
Man stelle sich vor: Der wachhabende Steuermann hat gegen sieben Uhr morgens
eine Sonnenhöhe genommen und daraus die Länge 29° 15’ W berechnet, Gegen
neun Uhr kommt der Kapitän auf die Brücke und frägt: »was gab die Länge?«
Jeder Nautiker wird fühlen, daß die Antwort »29° 15’ W« kaum besser wie gar
keine Antwort ist, während die Antwort »9’W« eine Reihe von Überlegungen und
Schlußfolgerungen zuläßt, wie sie sich eben direkt aus dem Grundbegriffe der
Standlinie ergeben, und auf die ich hier deshalb auch nicht weiter eingehen
will, Hatte man zufälligerweise vor Sonnenaufgang aus einer Nordsternbreite sein
Ag (Unterschied zwischen gegißter Breite und wahrer Breite} erhalten oder war
die Höhe im I Vertikal gemessen worden, so weiß man jetzt ohne jede weitere
Rechnung, ob das astronomische Besteck dem gegißten Besteck tatsächlich voraus
ist oder nicht.
Auf allen gut navigierten Schiffen bleibt es aber nun nicht bei dieser
einen Länge, die hier der I. Offizier auf der Morgenwache genommen haben mag.
Es schließt sich daran immer noch eine zweite Chronometerlänge, die der
IX, Offizier auf seiner Vormittagwache nimmt, und in den meisten Fällen wohl
auch noch eine Chronometerlänge des Kapitäns, Die absoluten Werte, die aus
diesen drei Beobachtungen resultieren, sagen nun ohne komplizierte Rechnung
dem Navigateur gar nichts, Nach den gebräuchlichen Standlinienmethoden sind
sie ohne Umrechnung überhaupt nicht und wegen der geringen Azimutalunter-
schiede oft nur schlecht zu verwerten, Da behilft sich die Praxis eben wieder
mit den vorhin erwähnten Werten, Angenommen diese drei in unbestimmten
Zwischenräumen und bei beliebiger Geschwindigkeit des Schiffes angestellten
Beobachtungen hätten die Werte 9’ W, 24’ W und 30‘ W, also ein zunehmendes
West, ergeben. Der Einfachheit wegen möge angenommen werden, daß die erste
Beobachtung dem I, Vertikal am nächsten gelegen war, Es folgt dann ohne
weiteres daraus das für den Schiffer wichtige Resultat, daß sich das Schiff
nördlicher befindet, als sein Besteck sagt, gleichgültig ob das Schiff östliche oder
westliche Kurse steuerte, Zunehmendes West (Ost) bedingt eine nördliche
(südliche) Breitenberichtigung; abnehmendes West (Ust) eine südliche
(nördliche) Breitenberichtigung. Da nachmittags meistens die letzte Höhe
die Vertikalhöhe sein wird, gilt für nachmittags dieselbe Regel, Zwei Beob-
achtungen genügen für diese Überlegung natürlich.
Gilt es nun mittags auf einer bestimmten Breite zu sein, wie es z.B, auf
unseren Schnelldampfern mit ihren vereinbarten Routen erwünscht ist, so kann
der Kapitän in den nächsten Standen nur ein paar Grad nördlicher oder süd-
licher steuern lassen und das Mittagsbesteck fällt wieder genau in den wor-«
geschriebenen Track, Betont soll nochmals werden, daß zu diesen Überlegungen
nur zwei Chronometerlängen nötig sind, die unabhängig voneinander sofort aus-
zerechnet werden,
Es ergibt sich nun von selbst, wie man aus zwei so erhaltenen Werten
die Breiten- und Längenberichtigung numerisch errechnet, Ein Beispiel möge
as übrigens kurz zeigen: (Ich exemplifiziere hier absichtlich immer an dem in
der Praxis wichtigsten Fall: ein Dampfer im Nordatlantischen Ozean und Sonnen-
beobachtungen,)
Auf einem Schiffe wurden auf ungefähr 57° N nachmittags zwei Sonnen-
höhen beobachtet, deren jede eine sofort als Länge mit der jeweiligen gegißten
Breite berechnet wurde, Die I, Beobachtung im Azimut S27°W eryab 18' W
(= u); die IL Beobachtung im Azimut 5 62°W ergab 37 W (= u).
Man hat nach bekannten Formeln:
SE A a {DE ) — 4 und Au ig | ;
2) {P, = pa) Pe EM Ef | aa
= — 18 pp = 5
= 37 Dı = 098 18-845 77° = AU W
a urn UN SUCH 7 = W.
Die an das gegißte Besteck anzuhringende Berichtigung ist CN und 44 W.