Krauß, J.: Moderne Nautik in Theorie und Praxis,
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alle modernen Ideen und Errungenschaften immer noch am schnellsten und
Jeichtesten Eingang finden, zugrunde gelegt werden,
Bedeutend schwieriger ist es schon »Theorie« zu definieren. Im allgemeinen
versteht der Seefahrer heutzutage unter Theorie alles das, was er in der Navi-
gationsschule gelernt hat und in der Praxis nicht sinnfällig anwendet. Auch
wir müssen, wollen wir die Grenze nicht in allzu weite Fernen entweichen
sehen, uns darauf beschränken, unter »Theorie« alle diejenigen Methoden und
Formen der nautischen Rechnungen zu verstehen, wie sie in den deutschen Lehr-
büchern der Nautik (Albrecht-Vierow, Bolte und Breusing) den Seeleuten
zum Gebrauche empfohlen werden. Eine mit dieser Erklärung beinahe identische
Fassung des Begriffs »Theorie« erhalten wir, wenn wir darunter die ganze
astronomische Nautik verstehen wollen, wie sie und soweit sie in den Prüfungs-
vorschriften von den angehenden Steuerleuten und Schiffern verlangt wird.
Diese Vorschriften sind gleichsam eine Liste der yom Reiche für den Seemann
offiziell als notwendig und nützlich erachteten theoretischen Kenntnisse, Die
Übereinstimmung der Lehrbücher unter sich und mit den Prüfungsvorschriften
ist in allen wesentlichen Fragen vollständig. In weiterem Sinne könnte man
unter »Theorie« hier vielleicht auch noch die Tendenz verstehen, nach der die astro-
nomische Nautik von den Mutterwissenschaften ausgebaut wird und die für Deutsch-
land ihr Ausdrucksmittel in den »Annalen der Hydrographie usw.« und in geringerem
Maße auch noch zeitweise in der »Marine-Rundschau« und »Hansa« findet,
Der Einfluß der Marine-Navigation auf die Navigation der Handelsschiffe
soll hier nicht weiter in Betracht gezogen werden, Ihr Einfluß auf die Theorie
ist erwiesen, der auf die Praxis aber nur schwer festzustellen.
Seitdem Kapitän Sumner 1837 durch einen Zufall die astronomische
Standlinie entdeckte und seine Theorie in den darauffolgenden Jahren durch
verschiedene Gelehrte weiter durchgebildet und ihre große Bedeutung dar-
gelegt wurde, ist die Standlinientheorie langsam und in bescheidenen Grenzen
Gemeingut der Seeleute geworden und wird heute ganz allgemein als »die moderne
Navigation« bezeichnet. Überblickt man die nautischen Fachzeitschriften Deutsch-
lands der letzten zwanzig Jahre, so fällt einem die Summe von Fleiß und Scharf-
sinn auf, die auf die weite Ausgestaltung dieser Theorie und vor allem des
Hauptproblems derselben, der »Bestimmung des Schiffsortes aus zwei oder mehreren
Gestirnshöhen« verwendet wurde, In dem Vordergrund aller Bemühungen steht
dabei seit etwa zwölf Jahren die sogenannte Höhenmethode, die tatsächlich so
elegant ist, daß fast dadurch allein schon ihr französischer Ursprung bewiesen
wird, Die Theorie lehrt seit Jahren die unbedingte Überlegenheit der Höhen-
methode (schon wegen des uniformen Rechnungsverfahrens) über alle älteren
Methoden, und in den meisten Schulen wie auch in den verschiedenen Lehr-
büchern beherrscht sie das Feld,
Ganz anders sieht es damit aber in der Praxis aus. Abgesehen davon;
daß eine Kombination mehrerer Standlinien in der Praxis im allgemeinen immer
schon einen Notfall oder eine gewisse Liebhaberei dafür voraussetzt, wird der-
jenige Kapitän oder Steuermann, der nur nach Marcq St. Hilaire rechnet, wohl
in kürzester Zeit den vieldeutigen Ruf eines »kolossalen Navigateurs« erhalten,
Daß in der praktischen Navigation das Zweihöhen-Problem tatsächlich viel
seltener vorkommt als der Theoretiker vermutet, liegt zum größten Teil wohl in
dem begründeten Mißtrauen der Seeleute gegen Stern- und Mondbeobachtungen.
Und wenn der Navigateur zwei oder mehrere Sonnenbeobachtungen hat, so weiß
er sie nach der Längen- oder Breitenmethode schneller auszunützen, als es ihm
die Höhenmethode, die immer ein wenn auch nicht unbekanntes, so doch unge-
wohntes Rechenschema verlangt, gestatten würde. Die Theoretiker wurden durch
die Eleganz der Lösung von der Höhenmethode bestochen, obwohl sie selbst
zugeben, daß dieselbe an Kürze und Einfachheit von der Längenmethode über-
troffen wird. Der Seemann, der täglich damit arbeiten muß, zieht diese letzteren
Eigenschaften aber der Eleganz vor.
In der Praxis ist, im Gegensatze zur Schulnavigation, die Chronometer-
länge nie mit dem etwaigen Resultate: 29° 15’ W beendet, sondern es wird dann