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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 36 (1908)

164 Annalen der Hydrographic und Maritimen Meteorologie, Oktober 1908, 
des Ablaufs der Schwingungen im einzelnen zuzuschreiben sind und daß dieselben 
künftig wohl dadurch vermieden werden können, daß man außer den Durch- 
gangszeiten noch die Umkehrpunkte beobachtet, Die Untersuchung ergab aus- 
gesprochene Gesetzmäßigkeiten, so daß die Aussicht besteht, die Schwingungs- 
beobachtungen an Bord zu einer wissenschaftlich brauchbaren Methode der 
H-Bestimmung auszubauen, Nimmt man dazu Ablenkungsbeobachtungen, etwa 
mit Hilfe des Doppelkompasses, so hätten wir damit die längst erwünschte 
Lösung der Aufgabe gewonnen, aus den Intensitätsbeobachtungen auf See den 
unsicheren Gang des magnetischen Moments einwandsfrei auszuschalten. Daß 
und warum der Lloyd-Creak-Apparat, welcher dasselbe Ziel anstrebt, dies nicht 
in befriedigender Weise erreicht, wird in dem Abschnitt »Intensität« des oben 
genannten Südpolarwerkes nachgewiesen, 
Moderne Nautik in Theorie und Praxis. 
Von Joseph Krauß, Lehrer an der Naviyationsschule in Lübeck. 
Eines der interessantesten Kapitel der Geschichte der Nautik ist das. 
jenige, das sich mit der Betrachtung der jeweiligen, wechselseitigen Beziehungen 
zwischen Theorie und Praxis befaßt, Hier bedarf der Forscher seines feinsten 
Instinktes, um nur mit einiger Sicherheit immer zeigen zu können, wo es die 
Praxis war, die die Theorie befruchtete, und wo anderseits die Theorie der 
Praxis reife Früchte schenkte. Gar oft wird er erkennen, wie die Theorie so 
manche wertvolle Anregung der Praxis unbeachtet ließ oder erst nach langer 
Zeit, nachdem sie ihr vielleicht wiederholt entgegengebracht wurde, aufgriff, 
um dann ungeahnt ausbaufähige Gedanken darin zu entdecken, Oft wird er 
aber auch sehen, wie so manche Theorie, wohlbegründet und mit allen Kräften 
angepriesen, von der Praxis solange mit Mißtrauen betrachtet wurde, bis sie 
schließlich eines kümmerlichen Todes starb. Manchmal erwachte dann eine 
solche totyeglaubte Theorie nach Jahrzehnten zu neuem Leben und feierte in 
neuer Form große Triumphe. Und er wird auch erkennen, wie sich manchmal 
die Praxis in Widerspruch zur Theorie setzte und bald die eine, bald die andere 
zuletzt recht behielt, 
Bei diesen Fragen handelte und handelt es sich natürlich in allen Fällen 
immer um die »moderne« Nautik, Es gab eine »moderne« Navigation zu den 
Zeiten Heinrichs des Seefahrers wie in der Gegenwart, und hundert Jahre weiter 
wird vielleicht unter der Herrschaft des elektrischen Funkens und seiner ge- 
nialsten Verwendung im Dienste der Schiffahrt unsere »moderne« Navigation 
den Nautikern recht ehrwürdig und alt vorkommen. 
Es soll hier versucht werden, für die Gegenwart an einigen Tatsachen 
dieses wechselseitige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis der nautischen 
Wissenschaft zu beleuchten und vor allem an einigen markanten Beispielen zu 
zeigen, wo beide divergieren und anscheinend wenig voneinander lernen wollen. 
Dazu ist aber vor allem eine für unsere Zwecke passende Definition der Be- 
griffe »Theorie« und »Praxis« notwendig. 
Ich will mich, um nicht ins Endiose zu geraten, bei meinen Untersuchungen 
auf die »astronomische Nautik«, ein kleines Sondergebiet der Steuermanns- 
kunst, beschränken. Es gibt zweifellos in der Steuermannskunst Disziplinen 
{z. B. Deyiationslehre), die sich für eine derartige Untersuchung fruchtbarer 
erweisen, aber dafür lassen sie dann die Beziehungen wieder nicht in so deut- 
lichen Umrissen erkennen. 
Dies voraussetzend, wollen wir unter »Praxis« alle an Bord unserer 
Handelsschiffe tatsächlich angewandten Methoden der astronomischen ÖOrts- 
bestimmung verstehen, und damit die Praxis nicht allzu kümmerlich der Theorie 
gegenübersteht, soll unseren Untersuchungen die an Bord der Schnell- und 
Passagierdampfer unserer größten Reedereien übliche Navigation, bei welcher
	        
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