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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 36 (1908)

452 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1905. 
welche auf dem direkten Wege erreicht wird, aber auch hier ist der mit der 
Küstenerstreckung gebildete Einfallswinkel so spitz, daß eine weitreichende 
Reflexion kaum zu erwarten ist, dagegen dürfte aber immerhin eine nicht un- 
erhebliche Erhöhung der Amplitude der Welle eintreten, Dasselbe gilt auch für 
die Kanalwelle, auch diese wird durch den Verlauf der Küste in Höhe verstärkt 
werden, ohne daß es zu einer eigentlichen sich weithin merklich machenden 
Reflexion kommen kann, Durch die Straße von Dover tritt nun die Nordsee- 
welle in den Englischen Kanal ein, und zwar wird sie, entsprechend der Richtung 
der Straße von Dover, in erster Linie auf die französische Küste treffen, wo sie 
ohne Zweifel dazu beiträgt, den an dieser Küste im allgemeinen höheren Tiden- 
hub als an der englischen Küste hervorzubringen, 
An der englischen Küste vereinigt sich nach dem Passieren der Straße 
von Dover die Nordseewelle mit demjenigen Zweige der Kanalwelle, welcher, wie 
oben erwähnt, von der Küste des Departements Pas de Calais nach der englischen 
Südküste hinüber reflektiert wird, wodurch bewirkt wird, daß an dieser Küsten- 
strecke Kanalwelle und Nordseewelle -- reflektierte Kanalwelle in Höhe nahe 
gleich werden, die letzteren vielleicht sogar die erstere an Höhe übertreffen. 
Die Höhe der Nordscewelle betreffend, ist zu schließen, daB dieselbe im 
allgemeinen niedriger ist als die Kanalwelle im Bereich des Englischen Kanals, 
weil sie sich in einem viel weiteren Bette verbreitet und deshalb durch die Be- 
grenzung desselben weniger beeinflußt wird als diese, wenn auch die Wassertiefe, 
die in der Nordsee im allgemeinen geringer ist als im Kanal, eine ein wenig 
stärkere Beeinflussung der Höhe durch die Tiefenverhältnisse bedingen wird. 
Im südlichen Teile der Nordsee jedoch, wo die Kanalwelle infolge der plötzlichen 
Erweiterung ihres Bettes, wie schon oben gesagt wurde, an der englischen Küste 
an Höhe erheblich einbüßt, während sie an der belgisch-holländischen Küste ihre 
ursprüngliche Höhe nicht nur beibehält, sondern teilweise erheblich vermehrt, 
werden wir folgende Verhältnisse annehmen dürfen: Die Kanalwelle ist in der 
Straße von Dover und längs der belgisch-niederländischen Küste höher als die 
Nordseewelle, während anderseits von Norden her bis etwa zur Themse-Mündung 
die Nordseewelle die seitliche Ausbreitung der Kanalwelle an Höhe übertrifft, 
Hiernach muß es eine Linie geben, welche, ausgehend von der Themse-Mündung, 
vermutlich ziemlich in der Mitte zwischen beiden Küsten verläuft, auf welcher 
die Höhen beider Wellen einander gleich sind. 
Nach dieser Darlegung‘ dürfen wir annehmen, daß die folgenden An- 
nahmen über die Fortpflanzungsrichtung und die relative Höhe der Wellen nicht 
sehr fehlerhaft sein werden, Als Koordinatenachsen nehmen wir einen Meridian 
und einen Parallelkreis an, und zwar sei der erstere die x-, der letztere die 
y-Achse, Die Abszissen sollen von Süd nach Nord, die Ordinaten von West nach 
Ost wachsen, und demgemäß werden die Winkel von N durch O0. S und W von 
0°—360° gezählt, 
Wir machen daher folgende Annahmen: 
1. Kanalwelle: a} im Kanal: Azimut der Fortpflanzungsrichtung == 70°, 
b) in der Straße von Dover und in der Nordsee: Azimut — 40°. 
2. Nordseewelle: a) in der Nordsee: Azimut = 130°, 
b) in der Straße von Dover und an der französischen Küste 
bis Kap Barfleur: Azimut = 220°, 
c}) Mitte des Kanals: Azimut = 250°. 
Bezüglich der Höhenverhältnisse können folgende Angaben wohl als zu- 
treffend angesehen werden, wobei die Kanalwelle mit Kw, die Nordseewelle mit 
Nw bezeichnet werde: 
a) Kanal von Westen bis Selsea-Bill: Kw >> Nw; 
b) Selsea-Bill bis Hastings: Kw <= Nw + refl, Kanalwelle; 
c) Straße von Dover bis Themse-Mündung: Kw >> Nw; 
4) Themse-Mündung: Kw = Nw: von Themse- Mündung nördlich: 
Kw«</Nw;j 
e) an der französischen und belgisch-holländischen Küste: Kw > Nw.
	        
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