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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 36 (1908)

Bürgen, C.: Ableit, d, Ausdrücke £ d. be Krenzung zweier Gezeitenwellen auftretend. Erscheinungen, 451 
Im Atlantischen Ozean ist die Fortpflanzung der Gezeitenwelle von Süden 
nach Norden gerichtet, wobei jedoch zu bemerken ist, daß der Teil derselben, 
welcher sich in dem tiefen Wasser fortbewegt, erheblich gegen denjenigen voreilt, 
yelcher sich in dem {flacheren Küstenwasser fortpflanzt, wofür als Beispiel an- 
zeführt sei, daß eine Welle, deren Länge sehr viel größer ist als die Wassertiefe, 
was für die Flutwelle zutrifft, auf einer Tiefe von 5500 m nur 8 Sekunden ge- 
braucht, um 1 Sm weiter zu rücken, während sie dazu auf einer Tiefe von 200 m 
41.9 Sekunden, also mehr als das Fünffache, benötigt. Der Kamm der Welle 
bildet daher eine nach Norden konvexe Kurve, welche in der Breite von etwa 
19° auf das unterseeische Plateau trifft, auf welchem sich die britischen Inseln 
and das europäische Festland aufbauen, während ein Teil des Wellenkammes sich 
in der Richtung von NW nach SO in. die Bai von Biskaya ausbreitet. Indem die 
Welle nach N weitereilt, wird ihr östlicher Rand durch das genannte Plateau 
zurückgehalten und ihre Fortpflanzungsrichtung aus N in etwa ONO umgewandelt, 
mit welcher sie in den Kansl eintritt, Beim Übergang aus dem tiefen auf das 
Hachere Wasser der Küstenzone hat die Welle im umgekehrten Verhältnis der 
vierten. Wurzel aus den Tiefen an Höhe zugenommen, Auf ihrem weiteren Ver- 
lauf in dem Kanal tritt eine weitere, wenn auch geringe Erhöhung ein, weil die 
Breite des Kanals von. Westen nach Osten abnimmt, eine Wirkung, welche der 
Quadratwurzel der Breiten umgekehrt proportional ist. Wegen der Einwirkung 
der Reibung werden diese Erhöhungen der ozeanischen Welle nicht ganz in 
vollem Maße eintreten, immerhin aber wird die Kanalwelle (wie die von Westen 
kommende Welle genannt werden möge) die Straße von Dover mit einer nicht 
anbeträchtlichen Höhe erreichen, Ehe die Welle die Straße von Dover passiert, 
wird sie zum großen Teil durch die fast Nord—-Süd verlaufende Küste des 
Departements Pas de Calais aufgehalten, hier zw fast der doppelten Höhe auf- 
yestaut und nach der englischen Küste von Hastings bis etwa Selsea-Bill hin- 
über reflektiert, wo sie dazu dient, die von Osten her durch die Straße von 
Dover zus der Nordsee in den Kanal eintretende Welle zu verstärken, Eine 
erneute Reflexion von der englischen nach der französischen Küste hinüber findet 
wegen zu spitzen Einfallswinkels nicht statt. Der Teil der Kanalwelle, welcher 
durch die Straße von Dover in die Nordsee eintritt, findet dort sofort ein stark 
erweitertes Bett vor und indem gie sich fächerförmig ausbreitet, muß sie stark 
an Höhe einbüßen. Weil aber an der östlichen Seite die belgisch-holländische 
Küste der seitlichen Ausbreitung ein Hindernis entgegensetzt, so wird die Welle 
an dieser Küste nicht nur nichts an Höhe einbüßen, sondern es ist nach dem 
Verlauf derselben anzunehmen, daß sie sogar an Höhe gewinnen wird, wenigstens 
son dem Punkte an, wo der Küstenverlauf eine mehr und mehr nördliche Richtung 
annimmt, er sich also der Fortpflanzungsrichtung der Welle, welche wir als ur- 
sprünglich ONO erkannt haben, mehr oder minder entgegenstellt, In der Richtung 
der Straße von Dover, die frei von. Land führt, wird sie zwar auch allmählich 
an Höhe einbüßen, ist aber noch an der jütischen Küste bemerkbar, weil dort 
infolge ihrer Interferenz mit der von Norden kommenden Welle der Tidenhub 
ein äußerst geringer, fast verschwindender ist, 
{nzwischen ist die ozeanische Welle im Atlantischen Ozean rasch nach 
Norden weitergeeilt, und nun zweigt sich im Norden von Schottland ein neuer 
Teil der Welle ab, welcher durch die breite Straße zwischen Norwegen und 
Schottland in der Richtung NW—8O in die Nordsee eindringt. Die Boden- 
gestaltung der Nordsee, welche eine nach Süden zu schmaler werdende tiefere 
Rinne längs der schottisch-englischen Küste aufweist, bringt es mit sich, daß die 
Welle mit etwas wachsender Höhe sich schneller längs dieser Küste nach Süden 
bewegt als in dem übrigen Teile der Nordsee, Bei Yarmouth fängt die Welle 
an, sich in dem breiten, ziemlich gleichmäßig tiefen Becken zwischen. der 
englischen und niederländischen Küste auszubreiten, wobei sie an Höhe etwas 
ainbüßen muß, wenigstens der nach SW laufende Teil derselben, Es dürfte mit 
ziemlicher Sicherheit anzunehmen sein, daß die letztgenannte Küste in ihrer 
ganzen Ausdehnung annähernd zu gleicher Zeit erreicht wird, Eine Reflexion 
ler Welle könnte wohl nur an der Küste der Provinz Nord-Holland stattfinden
	        
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