Schott, G.: Die Bedeutung einer internationalen Erforschung des Atlantischen Ozeans usw. 407
Änderungen darf daher nicht nur ein rein wissenschaftliches, sondern auch ein
hervorragend praktisches Interesse beanspruchen.
2. In meteorologisch-aerologischer Hinsicht
eröffnet sich bei einer Ausdehnung der meereskundlichen Forschungsfahrten auf
den Atlantischen Ozean ein bisher nahezu ganz unerschlossenes Arbeitsgebiet:
nämlich die Erkundung der physikalischen Verhältnisse der höheren Schichten
der Atmosphäre über diesem Meere. Auch hier erscheinen Untersuchungen in
den vierziger und fünfziger Breiten für Westeuropa besonders wichtig, weil im
wesentlichen auf ihnen die großen Zugstraßen der barometrischen Depressionen
west-Östlich und südwest-nordöstlich verlaufen und der Witterungscharakter der
europäischen Länder in erster Linie von der Richtung und Häufigkeit dieser
atmosphärischen. Bildungen bestimmt erscheint.
Dabei ist das Ineinandergreifen der unter 1. genannten ozeanographischen
Faktoren und der hier genannten meteorologischen Faktoren ein derart enges
und inniges, daß heute noch nicht einmal klar gesagt werden kann, wieweit die
Einzelfaktoren ursächlich (aktiv) wirken und wieweit sie selbst anderen Ein-
wirkungen (passiv} unterliegen,
3. Auf biologischem Gebiete,
Nachdem die Auffindung der bisher unbekannten Jugendstadien des Aals
westlich von Irland usw. in Tiefen von 1000 m gezeigt hat, wie weit seewärts
Nutzfische unter Umständen ihr Verbreitungsgebiet ausdehnen, und nachdem z. B,
auch durch Hjorts Arbeiten Jungfische in den landfernen Tiefen des europäischen
Nordmeeres festgestellt worden sind, darf man bei einer Ausdehnung der Fischerei-
versuche auf den offenen Atlantischen Ozean, besonders den Nordatlantischen und
die Ostseite des Südatlantischen, noch mancher Überraschung gewärtig sein,
Wesentlich ist dabei im Hinblick auf Fischereifragen der westeuropäischen
Staaten das genaue Studium der jahreszeitlichen und regionalen Änderungen des
atlantischen Planktons, denn das Plankton als die Urnahrung des Meeres muß
direkt und indirekt die Wanderungen der Nutzfische beeinflussen,
4. Die seit 1902 bestehende, großartige »internationale Meeresforschung «
zur Erkundung der west- und nordwesteuropäischen Meere verlangt in letzter
Linie die Erkundung auch des anschließenden Atlantischen Ozeans; denn Eng-
lischer Kanal, Nord- und Ostsee sind nur unselbständige Teile und Randgebiete
dieses Weltmeeres, und eine Erkenntnis der Wärme-, der Strömungsverhältnisse usf,
dieser Nebenmeere bleibt stets unvollständig, solange wir über die entsprechenden
Zustände des Atlantischen Ozeans, von dem sie abhängen, nicht unterrichtet sind.
Die bestehenden internationalen Untersuchungen in den heimischen Gewässern
finden ihre naturgemäße Fortführung und unentbehrliche Ergänzung nur in
atlantischen Untersuchungen,
I. Für die Erforschung in erster Linie empfehlenswerte Gebiete des
Atlantischen Ozeans,
5. Eine Schnittlinie von Fair Isl. oder Pentland-Firth nach Belle-Isle-Strait
quer über den Labradorstrom. In den neufundländischen Gewässern sind von
kanadischer Seite während der letzten Jahre wichtige Arbeiten ausgeführt worden,
die in Zukunft an eine internationale Untersuchung des Atlantischen Ozeans
anzuschließen möglich sein sollte,
6. Die große Route zwischen Englischem Kanal und der Ostküste Nord-
amerikas, d. h. die vierziger und fünfziger Breiten, Diese Gegend ist, obwohl
auf ihr der weitaus lebhafteste Schiffsverkehr der ganzen Welt stattfindet, doch
eine der wissenschaftlich unbekanntesten Regionen aller Ozeane, Zwar haben
viele Kabelleger das unterseeische Bodenrelief abgelotet, aber damit erschöpft
sich auch fast ganz unsere Kenntnis, Keine der Tiefsee-Expeditionen, weder eine
der älteren noch eine der neueren — mit Ausnahme der » Challenger «-Expedition —,
ist hier im Gebiet der Golfstromtrift und der Zugstraßen der atlantischen De-
pressionen tätig gewesen, Obwohl im Hinblick auf die Bedeutung des Golfstromes
für das westeuropäische Klima die europäischen Staaten von einer Erforschung