354 Annalen der Hydrographie md Maritimen Meteorologie, August 1908.
gezogen durch den Längenpunkt, nicht mehr durch den wahren Schiffsort geht,
die Standlinie, gezogen durch den Nebenmeridianbreitenpunkt, jetzt durch den
wahren Schiffsort geht, Das war also ein wichtiges Resultat, da die zwei alten
Methoden, d. bh. die Stundenwinkelberechnung und die Nebenmeridianbreiten-
berechnung hinreichend sind für die richtige Lösung des Zweihöhen-Problems,
Herr Raydt sagt auf Seite 164: »Sowohl die Berechnung des Punktes A
(Breitepunkt) als die des Punktes B (Längepunkt} ist bedeutend einfacher als
die Berechnung des Punktes C (Höhepunkt). Bei Höhen in der Nähe des Merk
dians (Azimut 0°—20°% berechnet man den Punkt A mit Hilfe irgend einer
Breitentabelle durch einfaches Interpolieren.
Bei allen anderen Höhen berechnet man Punkt B nach der Stunden-
winkelformel,«
Wäre Herr Raydt mit den holländischen Tafeln bekannt, dann hätte er
nicht geschrieben, daß er immer den Punkt A berechnet, wenn das Azimut
zwischen 0°—20° liegt. In dem obengenannten Aufsatze hat Herr D. Mars auf
mathematischer Grundlage bewiesen, daß es Fälle gibt — auch in der Praxis —,
bei denen die Standlinie bei einem Azimut von 10° durch den Längenpunkt gezogen
werden muß, und auch Fälle derart, daß bei einem Azimut yon 36° die Lage der Stand-
nie durch den Punkt A noch richtig ist, Siehe Tabellen III und IV. Herr
Dr, Fulst sagt in seiner Besprechung der holländischen Tafeln; »Wer in den
letzten Jahren die holländische nautische Literatur, besonders die Publikationen
in nautischen Zeitschriften verfolgt hat, dem wird es nicht entgangen sein, daß
darin die Nebenmeridianbreite eine ganz hervorragende Rolle gespielt hat, Es
mag das umsomehr überraschen, als dieselbe Aufgabe von verschiedenen deutschen
Autoren als selbständige Aufgabe vollständig werworfen worden ist. Dieser
Gegensatz in der Auffassung ist außerordentlich interessant, um so interessanter,
als bei beiden Parteien die Standlinien den Ausgangspunkt der Deduktionen
bildeten,
Als vor einigen Jahren in den nautischen Kreisen Deutschlands die
Begeisterung für die Höhenmethode ihren Höhepunkt erreicht hatte, ging man
teilweise so weit, die Höhenmethode zur Universalmethode der nautischen Astro-
nomie zu erheben; die Gemäßigteren erkannten der Nebenmeridianbreite keine
Existenzberechtigung mehr zu, die Radikalen wollten selbst für die Chronometer-
jänge keine besondere Formel mehr gelten Jassen. Allgemeiner Zustimmung hat
sich bisher keine dieser Anschauungen zu erfreuen gehabt; das beklagenswerte
Resultat dieser Strömungen ist nur eine größere Ungleichförmigkeit in den
Methoden mehrerer Schiffsoffiziere,«
Auch in Holland hatten sich zwei Parteien gebildet. Die Kriegsmarine-
offiziere waren der Meinung zugetan, daß die Höhenmethode alle bisherigen
Methoden ersetzen kann, so daß man ruhig Chronometerlänge und Nebenmeridian-
breite über Bord werfen könnte. Es wäre vielleicht auch so geworden, wenn
nicht Herr D. Mars im Jahre 1899 seine Untersuchungen über die Anwendung
ler Nebenmeridianbreiten-Methode in der holländischen nautischen Zeitschrift
‚De Zee« zu publizieren begann. |
Herr Prof. Dr. G. DD. E. Weyer publizierte in den »Ann. d. Hydr. usw.«
1884 und 1885 eine Reihe Aufsätze über die indirekten oder genäherten Auf-
lösungen für das Zweihöhenproblem. Wir können die Lesung dieser Aufsätze
sehr empfehlen, besonders die Abhandlung in dem ersten Heft des Jahrganges 1885,
Auf Seite 1 sagt Prof. W.: »Weder Lalande noch Sumner erwähnen, daß ihr
beständiges Verfahren der Zeitbestimmung ungenau werden muß, wenn eine der
Höhen in der Nähe des Meridians ist, oder, genauer ausgedrückt, wenn der Sinus
des Azimuts sehr klein wird, weil dann, zufolge der Formel
dp= — cos «sin Az««dt oder Mt
sine kleine Änderung der Breite sehon eine sehr große Änderung von € hervor-
bringt. Dasselbe bezieht sich auch schon auf die Konstruktion der Sumner-
schen Linie bei einer Höhe in der Nähe des Meridians (mit kleinem sin Az),
wo 68 viel sicherer ist, mit zwei angenommenen Längen zwei Breiten zu berechnen,