390 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1908,
Wie dem auch sei, nach den 100 jährigen Beobachtungen bei Island besteht
die Tatsache, daß das Eisvorkommen daselbst langperiodische Schwankungen
zeigt, deren Bedingungen nicht in der näheren Umgebung, sondern in allgemeinen
Verhältnissen gesucht werden müssen, die uw. a. auch in einer entsprechenden
Sehwankung der atlantischen Zirkulation ihren Ausdruck finden,
Anders liegt nun aber die Frage nach dem Zusammenhang der Eistrift
im einzelnen Jahr mit den gleichzeitigen oder voraufgehenden Luftdruck.
verhältnissen. Ob ein bestimmtes Jahr bei Island eisreich oder eisarm wird, ist
in der Regel von der relativen Höhe des Luftdrucks im Winter und Frühjahr
bei Island abhängig, wie es Brennecke an den Jahrgängen 1881—1895 nach-
gewiesen hat!) und wie ich es in etwas anderer Fassung für einen längeren Zeit-
raum glaube wahrscheinlich gemacht zu haben,
Wie groß der Eisreichtum in einem eisreichen Jahr bei dafür günstiger
Luftdrucklage wird, hängt aber davon ab, welcher Phase der langjährigen Periode,
von der oben die Rede war, das betreffende Jahr angehört. In einem Zeitraum,
der in einen Höhepunkt der Periode fällt, werden die eisreichen dahre zu
besonders schweren. Daneben treien aber auch eisfreie Jahre auf, wenn die
meteorologische Lage im einzelnen Fall es verlangt. Sind andrerseits während
einer im allgemeinen eisarmen Zeit der langen Periode die meteorologischen
Verhältnisse im Einzelfalle günstig für ein Eisjahr, so wird die Eistrift eine kleine
bleiben, aber sich doch herausheben aus der Reihe der anderen Jahre,
Eine im einzelnen Jahr vorhandene Luftdrucklage wird also eine der
Intensität nach verschiedene Wirkung haben in eisarmen und eisreichen Perioden,
In eisarmen Perioden steht offenbar nicht genügend Eis zur Verfügung, um selbst
bei dafür günstiger Luftdrucklage (d. h. bei abgeschwächter Zirkulation) ein
besonders schweres Eisjahr bei Island herbeizuführen. Dennoch werden die
Jahre sich auch dann gemäß der aktuellen Luftdrucklage verschieden gestalten.
In eisreichen Perioden wird dagegen schon eine mäßig günstige Luftdrucklage
im einzelnen Jahr eine schwere Eistrift bei Island bedingen können,
Die quantitativen Beziehungen zwischen der Größe der Luftdruckdifferenz
und der Eistrift werden demnach auch in den einzelnen Phasen der Periode
ganz verschieden ausfallen. Dafür wird bestimmend, wie die allgemeinen Be-
dingungen im Ursprungsgebiet des Eises liegen, ob dort viel oder wenig produziert
wird und abgegeben werden kann, —
Noch komplizierter wird die Erscheinung dadurch, daß außer der schon
erwähnten langjährigen Periode noch eine 11jährige und eine 4- bis 5jährige
Periode in der Eistrift auftritt, für die es bis heute auch noch an einer zu-
reichenden Erklärung fehlt.
Ich habe vor kurzem”) eine rein hypothetische Vermutung über die Ursachen
der 4- bis 5jährigen Periode ausgesprochen in folgenden Worten:
Die Ursachen der periodischen Schwankungen in der Eistrift bei Island lassen
sich bei dem heutigen Stande unserer Kenntnis noch nicht angeben, es ist sogar kaum
möglich, Vermutungen darüber aufzustellen, solange die ozeanographischen und
meteorologischen Erscheinungen im Nordpolargebiet nicht systematisch und
dauernd verfolgt werden, Die 4- bis 5jährige Periode der Eistrift bei Island
wird vielleicht durch folgende Umstände herbeigeführt. Der Ausfluß von Eis-
massen aus dem Nordpolarmeer durch die Straße zwischen Grönland und Spitz-
bergen ist, wie man aus den Beobachtungen bei Island schließen darf, kein
gleichmäßiger, sondern erfolgt stoßweise, Diese Erscheinung ließe sich dadurch
erklären, daß in gewissen rhythmisch wiederkehrenden Intervallen eine Verstopfung
jener Ausflußöffnung durch die von allen Seiten aus dem weiten Polarmeer
herbeigeführten Eismassen stattfindet. Es bildet sich eine Eisbrücke über diese
Meeresstraße, die eine Stauung der andringenden Eismassen verursacht. Sobald
der Druck oder die Spannung ein gewisses Maß erreicht hat, wird der Wider-
2 W. Brennecke, Beziehungen zwischen der Luftdruckverteilung und den Fisverhältnissen
des Ostgrönländischen Meeres, »Aun. d, Hydı, u«w,« 1904, 8, 40—62,
2) Sitzungsbericht, herausger, v. Naturhist, Ver, Rheinl. Westf, 1907, Bonn 1908. © 1—4.