Krauß, J.: Die Entwicklung der drei hanscatischen Navigationsschulen, 307
Während in Bremen Breusing schon 1854 feste Kurse und einen regel-
echten Vorschulunterricht eingeführt hatte, arbeiteten Hamburg (bis 1869) und
Lübeck noch immer nach dem System des Einzelunterrichtes, bis in Lübeck
andlich die am 14, April 1894 vom Senate erlassene Ordnung für die Navigations-
schule dieser bei der zunehmenden Schülerzahl nicht mehr durchführbaren Ein-
richtung ein Ende machte. Es wurden durch die erwähnte Verordnung auch in
Lübeck feste Kurse und zwei jährliche Prüfungen zu feststehenden Terminen
eingeführt. Immerhin mußten aber noch bis 1899 Schiffer und Steuerleute im
selben Raume vom selben Lehrer unterrichtet werden, Erst 1899 konnte der
Leiter der Schule den getrennten Schifferunterricht durchsetzen, ein Beschluß, der
nur bei einer dann auch erfolgten Vermehrung der Lehrkräfte ausführbar war,
[899 fand auch der Umbau des bisherigen Schulgebäudes statt und damit wurde
erst die Möglichkeit zu einem weiteren Ausbau der Schule geschaffen, 1903 fand
dann auch auf eine Eingabe des Direktors (vom 1. Juli 1902) eine Vermehrung
der Prüfungstermine (von 2 auf 3) und der Lehrkräfte statt, so daß man dem
[nkrafttreten der neuen Reichs-Prüfungsordnung (am 1. Juli 1904), die wiederum
eine wesentliche Vertiefung und Erweiterung der Unterrichtsgegenstände mit sich
brachte, mit Ruhe entgegensehen konnte, Die Zahl der Schüler und Prüflinge
ist seitdem in stetem Wachsen begriffen,
Am 1. Juli 1905 übernahm der Staat die vom Ingenieur Kreymann seit
{3 Jahren geleitete Privat-Maschinistenschule, Nachdem man dieses Institut, das
sich unter der Leitung Kreymanns außerordentlich entwickelte, schon seit einer
Reihe von Jahren subventioniert hatte, wurde es nun der Navigationsschule als
Abteilung B angegliedert. In Hamburg war an der dortigen Navigationsschule
bereits am 1. Oktober 1891 der erste Kursus für Seedampfschiffsmaschinisten neu
aingerichtet worden, nachdem die Verstaatlichung der dort bestehenden Privat-
maschinistenschule nicht durchgeführt werden konnte,
Wenn man die Geschichte der Navigationsschule Lübecks während ihres
(O0 jährigen Bestehens nochmals überblickt, so wird man finden, daß ihre Ent-
wicklungskurve niemals so steil in die Höhe stieg, wie während der letzten
25 Jahre. Man denke: Noch 1886—1891 hatte Dr. Schulze als einziger Lehrer
den ganzen Unterricht ohne jegliche Assistenz nach dem veralteten Systeme des
Einzelunterrichtes zu erteilen, Vergegenwärtigt man sich ferner noch die be-
schränkten Räumlichkeiten, die für Lehrer und Schüler zur Verfügung standen,
so wird man leicht begreifen, daß diese äußerst bescheidenen Verhältnisse überhaupt
nur deshalb notdüritig genügten, weil eine relativ recht geringe Zahl von See-
leuten die Lübecker Schule aufsuchte. Heute dagegen (seit Angliederung der
Maschinistenschule) besteht das Lehrerkollegium aus acht Lehrkräften, und den
Schülern der Abteilung A stehen in dem eigenen Gebäude auf dem Wall, denen
der Abteilung B im Hafenamte, große Räume zur Verfügung. Und trotzdem
fangen beide Gebäulichkeiten schon an, zu klein zu werden. Die Schülerzahl ist
ständig so im Wachsen begriffen, daß heute die Navigationsschule Lübecks zu
den bestbesuchten Deutschlands zählt und würdig neben ihren beiden Schwestern
stehen kann,
100 Jahre lang hat sie so eine höchst nützliche Tätigkeit für die deutsche
Schiffahrt entfaltet. Allezeit war sie bestrebt, den Fortschritten der nautischen
Wissenschaften in ihrem Lehrplane zu folgen, und das gegenwärtige Wachsen
und Blühen der Schule läßt hoffen, daß ihre Arbeit auch in den nächsten
100 Jahren noch viele reife Früchte zum Segen der deutschen Schiffahrt und
des deutschen Handels tragen wird,