3056 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1508,
werden mußte, nahm die Eehörde das Anerbieten des Lehrers Franz Wilhelm
Rohde an der Burgtorschule, den begonnenen Kursus zu Ende zu führen, mit
Dank an, Im Februar 1855 wurde der Lübecker Kapitän Eduard Thiel zum
Nachfolger Francks ernannt, nachdem ey, wie seinerzeit sein Vorgänger, im
Auftrage der Behörde von dem bekannten dänischen Nautiker, dem Kapitän-
leutnant Stephan Middelboe, auf seine wissenschaftliche Befähigung hin ge-
prüft worden war,
Bereits unter Franck begannen die Bestrebungen der Seeuferstanten, eine
yegenseitige Anerkennung ihrer Prüfungsatteste herbeizuführen. Für Lübeck,
dessen Schiffsbestand durch den Rückgang der Segelschiffahrt immer kleiner
wurde, war diese Frage besonders dringend, Aber infolge der ungünstigen
politischen Verhältnisse wurde erst im September 1869 dem Bundesrate die Be-
fugnis übertragen, Vorschriften für die als Nachweis der Befähigung zum See-
schiffer und Seesteuermann auf sämtlichen deutschen Kauffahrteischiffen dienen-
den Prüfungen zu erlassen.
Gerade um die Mitte des 19, Jahrhunderts vollzog sich im Weltverkehr
zur Sec ein außerordentlicher Wandel, der natürlich wieder seinen Einfluß auf
die ausübende Navigation und vor allem auf den Unterricht in den Navigations.
schulen, als den vornehmsten Vermittlern zwischen Theorie und Praxis ausüben
mußte, In allen Disziplinen der Nautik waren größe Fortschritte gemacht
worden. und sie sollten alle soweit wie möglich in den neuen Prüfungs
vorschriften Berücksichtigung finden. In welch umsichtiger und umfassender
Weisa dies für die damalige Zeit geschah, lehren jeden die im Mai 1870 in
Kraft getretenen Prüfungsbestimmungen, Abgeschen dayon, daß man in Sprachen
and Nautik die Anforderungen überhaupt bedeutend erhöhte, mußte nun eine
erhebliche Vertiefung des Unterrichtes auch dadurch eintreten, daß man die
mathematischen Hilfswissenschaften zum Gegenstande einer schriftlichen Prüfung
machte, Auch die Einführung zweier getrennter Prüfungen an Stelle der bis
jetzt üblichen einmaligen Prüfung brachte für die Schulen eine gewaltiyve
Arbeitslast mit sich, ;
Erhielt bis jetzt jede Schule ihr eigentümliches Gepräge durch «ie Unter-
richtsmethode des Lehrers, der an ihr wirkte, wie es z, B, besonders in Bremen
bei der kraftrollen Persönlichkeit Breüsings der Fall war, und durch die An-
forderungen, die die betreffenden Secuferstaaten eben an ihre Steuerleute stellten,
30 trat jetzt naturgemäß eine große Uniformität aller Schulen ein, deren gleich-
mäßige Weiterentwicklung nur durch die mehr oder minder größe Zunahme der
Schiülerzahl beeinflußt wurde,
Trotz der Fülle der Arbeit, die der Beruf für Thiele mit sich brachte
— bis 1881 arbeitete er nach dem System des Einzelunterrichtes ganz olme
Hilfe — fand dieser fleißige Mann immer noch Zeit, sich auch wissenschaftlich
zu beschäftigen. Gleich beim Antritt seiner Tätigkeit gab er seine »Frage-
lehre«, eine Art Katechismus der Steuermannskunst, heraus, berechnete dann
jährlich den Lübecker Kalender, führte verschiedene astronomische Berechnungen
durch und stellte 31 Jahre lang mit größter Pflichitreue die meteorologischen
Beobachtungen für Lübeck an. Auf sein Betreiben ist in erster Linie auch der
endliche Bau des Öbservatoriums (1860) zurückzuführen, für das schon unter
Franck (1844) ein Teleskop angekauft worden war,
Als im Laufe der Jahre die Schülerzahl zunahm und die Arbeitslast des
Navigationslehrers (z. B. auch dadurch, daß er seit Inkrafttreten der neuen
Prüfungsyorschriften in Hamburg als Prüfungsmitglied zu fungieren hatte} sich
bedeutend mehrte, bekam Thiel endlich 1881 zum ersten Male eine Hilfskraft,
üMie aber bald darauf (Juni 1853) wegen Krankheit durch eine neue, den jetzigen
Leiter der Schule, abyelöst werden mußte, Als Thiel anı 1. Oktober 1886 zu-
achmender Kränklichkeit halber in den Ruhestand versetzt wurde, folgte ilm
Dr. Franz Lonis Carl Schulze im Amte, Der unermüdlichen Pflichttreue und
Tatkraft dieses Mannes war es vorbehalten, die Schule einer großen Blütezeit
entigegyenzuführen,