Kranß, J.: Die Entwicklung der drei hanscatischen Navigationsschulen. 301
Reedern und Schiffskapitänen eine glänzend fundierte Privatschule großen Stils
unter Braubachs Leitung, neben der freilich, um den fortwährenden Bedarf an
Zteuerleuten zu decken, Braubachs vorherige Privatschule ruhig weiter bestand,
Das Niveau und die Ziele dieser am 29, April 1799 feierlich eröffneten Schule
waren außerordentlich hoch. Es waren feste Jahreskurse eingeführt. Nach
Beginn des Kursus wurde niemand mehr aufgenommen, Die Erwerbung gründ-
licher mathematischer Kenntnisse war das Rückgrat des ganzen Unterrichtes,
Dann folgten außer der terrestrischen und astronomischen Steuermannskunst
durch geeignete Lehrer Vorträge über Schiffsmanöver und Schiffbau, Vorträge
über Physik (besonders Mechanik), Unterricht in der deutschen und französischen
Sprache und im Zeichnen. Dabei gab es noch für diejenigen, die es nötig hatten,
besondere Nachhilfestunden im Schönschreiben usw. Alle Tafeln und Lehrbücher,
die auch zum Teil auf Kosten der Schulkasse gedruckt wurden, erhielten die
Schüler ebenso wie den Unterricht gratis. Am Schlusse eines jeden Kursus fand
eine feierliche, öffentliche Prüfung statt, die mit einer Prämienverteilung an die
vier besten Schüler und einem großen Festaktus schloß. Der tiefere Sinn dieser
großartig organisierten Schule war, eine Hebung der Bildung des ganzen Steuer-
mannsstandes und eine vollständige Änderung des Entwicklungsganges der
Schiffsoffiziere anzubahnen. Es sollten durch die Schule die Söhne der besseren
bürgerlichen Kreise veranlaßt werden den Seemannsberuf zu ergreifen und die
Bremer Reeder hatten sich verpflichtet, diese dann so vorbereiteten jungen Leute
an Bord ihrer Schiffe nicht als gewöhnliche Matrosen sondern als »Lehrlinge«
unentgeltlich einzustellen und zu Steuerleuten auszubilden, Ein stolzer Gedanke,
der 100 Jahre später wieder von neuem geboren werden mußte,
Diese originelle Musterschule, der es in den ersten 10 Jahren (bis 1809)
nie an Geld und Schülern fehlte, zog natürlich die Aufmerksamkeit des übrigen
Deutschland sowie Englands und Frankreichs, soweit es sich für die Seefahrt
interessierte, auf sich. Auch in Lübeck gab sie den Anstoß, daß man der schon
Jahre hindurch erörterten Gründung einer Navigationsschule näher trat,
Hier war es die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit,
die, allezeit aufs eifrigste bestrebt zur allgemeinen Hebung der Volksbildung,
soviel in ihrer Macht lag, beizutragen, auch dieser Angelegenheit sich annahm.
Es ist bewundernswert, wie in jener schweren Zeit der Not und Trauer — Lübeck
war seit dem 6. November 1806 französisches Eroberungsgebiet und sein wirt-
schaftliches Leben so gut wie gestorben — patriotisch gesinnte Männer immer
wieder den Mut zu idealen, gemeinnützigen Bestrebungen fanden. Vor allem war
es der Gründer der Gem. Gesellschaft selbst, Dr. Ludwig Suhl, der mit der
ganzen Kraft seiner einflußreichen Persönlichkeit für die Gründung einer
Navigationsschule eintrat. Nachdem verschiedene andere Gesellschaften ihre
Unterstützung zugesagt hatten, konnte die Schule nach langen vorbereitenden
Verhandlungen am 27, Juli 1808 mit 17 Zöglingen eröffnet werden.
Man war sich bei der Gründung der Schule bewußt, daß besonders unter
den politisch so ungünstigen lokalen Verhältnissen die erste und vornehmste
Bedingung, um eine gedeihliche Entwicklung zu sichern, die Anstellung eines
geschickten Lehrers war. Hier stand nun der Gesellschaft in der Person des
Lübecker Steuermanns Johann Hinrich Sahn, der bereits seit 15 Jahren mit
privater Heranbildung junger Steuerleute beschäftigt war und 20 J ahre praktische
Fahrzeit hinter sich hatte, eine vortreffliche Kraft zur Verfügung, Als bestimmter
Zweck der Schule wurde von dem erwählten Vorstande ausgesprochen: jungen
Leuten, die sich dem Seemannsberufe widmen wollen, am liebsten solchen, die
schon eine Seereise gemacht haben und die notwendige Fertigkeit im Rechnen
und Schreiben besitzen, zu denjenigen theoretischen Kenntnissen zu verhelfen,
welche einem guten Schiffer und Steuermanne unentbehrlich sind. Demzufolge
sollte, mit sorgfältiger Auswahl des Unentbehrlichsten und Faßlichsten, in den
nautischen Wissenschaften, also in der Geographie, der Arithmetik, Trigonometrie
und Astronomie, Unterricht erteilt werden. Einige zu diesem Zwecke nötige
Instrumente und sonstige Hilfsmittel wurden für die Anstalt käuflich erstanden,
andere nicht minder wichtige wurden von Freunden und Beförderern des gemein-
Ann. d. Hydr. usw., 1908, Heft VIL