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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 36 (1908)

Capelle: Die vom Reichs-Marine- Amt. herausgegebenen Gezeitentafehn in Ihrer neuen Form. 243 
Beobachtungen vorliegen und je größer der Zeitraum ist, über den sich die 
Beobachtungen erstrecken, Denn man darf nicht außer acht lassen, daß unsere 
Gezeiten von den örtlichen Winden nicht unerheblich beeinflußt werden, sowohl 
was die Zeit des Eintritts von Hoch- und Niedrigwasser anbetrifft als auch die 
Höhe, zu der das Wasser aufläuft bzw. fällt. Daraus ergibt sich, daß bei kurzen 
Beobachtungsperioden eine Entstellung der Gezeitenerscheinung dann eintreten 
wird, wenn beispielsweise der Wind zufälligerweise während der ganzen Dauer 
aus der gleichen Richtung weht, Die unter solchen Umständen aus den an- 
gestellten Beobachtungen abgeleiteten Werte werden dann naturgemäß nur so 
lange zutreffen, wie die Windrichtung vorherrscht, welche zur Zeit der Gewinnung 
des Materials beobachtet wurde, Treten später wesentlich andere Winde auf, so 
werden die auf Grund anderer Voraussetzungen erhaltenen Vorausberechnungen 
ron der Wirklichkeit mehr oder weniger abweichen, Erstreckt sich dagegen die 
Dauer der Beobachtung auf eine Reihe von Monaten oder selbst Jahren, so darf 
man damit rechnen, daß sich die einzelnen Abweichungen im Laufe der Zeit 
zusgleichen und somit zu Mittelwerten führen, die unter normalen Verhältnissen 
sich in den Grenzen halten, die für die angestrebten Zwecke für die Praxis voll. 
ständig genau genug sind. 
Hiernach hängt also das Ergebnis der voraäusberechneten Gezeitenangaben 
von der Güte der einzelnen Beobachtungen ebenso sehr ab wie von der Dauer 
und dem Zeitpunkt, während welcher diese Beobachtungen angestellt worden 
sind. Dies hat zur Folge, daß zwei Stellen, welche sich unabhängig voneinander 
mit der Vorausberechnung von Gezeitenangaben beschäftigen, nur dann genau 
zu. demselben Resultat gelangen können, wenn ihnen beiden das ganz gleiche 
Beobachtungsmaterial zur Verfügung gestanden hat. Trifft dies nicht zu, so 
werden die Endergebnisse der Rechnungen unter Umständen voneinander ab- 
weichen, ohne daß man berechtigt wäre, daraus den Schluß zu ziehen, daß die 
eine oder andere Stelle sich methodische oder sonstige Fehler hätte zu Schulden 
kommen lassen. 
Da es nun in der Praxis die Regel sein wird, daß das von verschiedenen 
Stellen zur Verwendung gelangende Beobachtungsmaterial nicht das gleiche ist, 
so wird man bei der Gegenüberstellung mehrerer Gezeitentafeln meistens für 
dasselbe Hochwasser voneinander abweichende Werte finden. Die genaueren 
Resultate werden in solchen Fällen dort anzutreffen sein, wo ein umfangreicheres 
Beobachtungsmaterial bei den Berechnungen zugrunde gelegen hat. 
Diese Verschiedenheit in den Angaben stört denjenigen, der mit der Art 
des Zustandekommens der Gezeitentafeln nicht so vertraut ist, daß er sich über 
die Abweichungen Rechenschaft zu gehen vermag, und das ist naturgemäß der 
überwiegende Teil der in der Praxis stehenden Seeleute, der mit Recht den 
Hauptwert darauf legt, die Benutzung der Tafeln zu beherrschen, dem sein Beruf 
im übrigen aber keine Zeit übrig läßt, sich weiter in die Materie zu vertiefen, 
So erzeugen diese Unterschiede Unsicherheit in den Kreisen, für welche die Ge- 
zeitentafeln vornehmlich bestimmt sind. Deshalb muß danach gestrebt werden, 
diese Verschiedenheiten so viel wie möglich zu beseitigen, 
Jede Gezeitentafel soll aber auch danach trachten, nur die besten 
Resultate zu veröffentlichen. Diese werden aber nach dem Gesagten dort zu 
finden sein, wo ständige Beobachtungen angestellt werden und das Beobachtungs- 
material unter dauernder Kontrolle gehalten wird, d.h. bei den Instituten der 
Ainzelnen Länder, die besonders mit dieser Aufgabe betraut sind. 
Deshalb hat das Kaiserliche Obserratorium in Wilhelmshaven die An. 
vegung zu einem internationalen Austausch der vorausberechneten Gezeiten- 
angaben in der Weise gegeben, daß jedes Land von den Orten, wo selbst 
registrierende Flutmesser aufgestellt sind, Vorausberechnungen zur Verfügung 
stellt, um dafür als Entgelt die entsprechenden Berechnungen der anderen 
Nationen zu erhalten. Dieser Vorschlag hat überall Anklang gefunden und 
schön jetzt zu dem Ergebnis geführt, daB ein Austausch zwischen den amerikanischen, 
englischen und niederländischen Häfen auf der einen und den deutschen Häfen 
auf der anderen Seite sichergestellt ist, Bei den sonstigen in Betracht kommenden
	        
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