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Annalen «der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1908,
Gedenken wir bei dem Hingang Koldeweys dessen, der zuerst die schwarz-
weiß-rote Flagge auf einer Forschungsfahrt in die arktischen Gegenden führte,
so betrauern wir in ihm auch den Mann, der in seltener Weise seemännische
Erfahrung und Tüchtigkeit mit großem theoretischen Wissen und Schaffen in sich
vereinigte und diese glückliche Verbindung seiner Fähigkeiten zum Nutzen der
Soefahrt zu verwerten berufen war. Hr. x. vH.
Die vom Reichs-Marine-Amt herausgegebenen Gezeitentafeln in ihrer
neuen Form.
Bereits seit geraumer Zeit haben im Kaiserlichen Observatorium in. Wilhelms-
haven Erwägungen stattgefunden, nach welcher Richtung hin die unter der
Schriftleitung dieser Behörde bearbeiteten Gezeitentafeln, deren Wichtigkeit sowohl
für die ausübende Schiffahrt wie auch für die Bewohner unserer Küstenorte
wohl von keiner Seite her bestritten werden wird, verbesserungsfähig seien,
denen der Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts in dankenswerter Weise statt-
yegeben hat. Bei diesen sehr eingehenden Untersuchungen sind die bisherigen
Veröffentlichungen einer Prüfung nach folgenden Gesichtspunkten unterzogen
worden.
1. Hinsichtlich des Inhaltes selber,
2. Hinsichtlich des Umfanges des Stoffes und
3. in bezug auf die Zweckmäßigkeit der Anordnung des Materials.
1. Der Inhalt der Gezeitentafeln.
Die Entstehung der Gezeiten, wie wir sie an vielen Orten unserer Erde
zu beobachten Gelegenheit haben, wird, wie bekannt, auf die Anziehung zurück-
geführt, die Sonne und Mond auf die Wassermassen der offenen Meere aus-
üben. Durch diese Anziebung werden nach der Auffassung der Wellentheorie
der Gezeiten im Meere Wellen erregt, die in mannigfachster Weise durch die
Srtlichen Umstände, denen sie bei ihrer Fortpflanzung begegnen, beeinflußt
werden. So werden wir an einem Orte, welcher an einem Flusse gelegen ist,
einen anderen Verlauf der Gezeiten wahrnehmen, wie an einem Örte, der an
einer in sich geschlossenen Meeresbucht liegt und wiederum andere Erscheinungen,
wenn die Gestaltung der Küste eine flache ist im Gegensatz zu steil ansteigenden
Uferwänden, Daraus ergibt sich, daß eine Vorausberechnung der Gezeiten,
d.h. der Eintrittszeit von Hoch- und Niedrigwasser und der Höhen, welche der
Wasserspiegel bei diesen verschiedenen Phasen über dem Kartenniveau erreicht,
auf Grund allgemein gültiger mathematischer Formeln schlechterdings nicht
möglich ist, Vielmehr ist es notwendig, daß an den Orten, für welche Gezeiten-
angaben. voraus berechnet werden sollen, zunächst Beobachtungen angestellt
werden, aus denen sich dann der Einfluß der Sonne und des Mondes, wie er
sich unter den gegebenen. Verhältnissen darstellt, bestimmen läßt, Hinsichtlich
der vorzunehmenden Beobachtungen mag bei dieser Gelegenheit gleich noch
einmal darauf hingewiesen werden, daß dieselben für den vorliegenden Zweck
nur dann Wert haben, wenn sie fortlaufend, d.h. Tag und Nacht ohne Unter-
brechung zur Ausführung gelangen. Tagesbeobachtungen allein, wie sie des
öfteren aus Personalmangel vorgenommen werden, eignen sich nur beschränkt
zur weiteren Bearbeitung, deshalb ist es bei weitem richtiger, in solchen Fällen
die Beobachtungsdauer abzukürzen und statt dessen dann aber Tages- und
Nachtbeobachtungen durchzuführen,
Diese Methode der Vorausberechnung der Gezeiten, bei der zunächst rück-
wärtige Schlüsse gezogen werden, um sie dann später wieder in entgegengesetzter
Richtung zu verwerten, wird um so zutreffendere Resultate ergeben, je sorgfältigere
5 Marine-Rundschau«, Juni 1908.