340 Annalen der Hydrographie nnd Maritimen Meteorologie, Juni 1908,
Institut, das von ihm mit Hilfe der Handelskammern zu Hamburg und Bremen
gegründet war und unter einer vom Bundesrat seit 1870 gewährten Subvention
bis Ende 1874 geleitet wurde, Mit der Neuorganisation der Seewarte als Reichs-
institut im Ressort der Kaiserlichen Admiralität trat Koldewey am 1. Januar 1875
in den Reichsdienst über und leitete die weitaus größte Zeit unter Neumayer,
wie bereits oben bemerkt, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand die Abteilung IT
der Deutschen Seewarte,
Als die Seewarte ihre Tätigkeit aufnahm, Jagen die Verhältnisse in bezug
auf Kompaßwesen, und Deviationslehre äußerst ungünstig, Die Konstruktion war
in Deutschland hinter den Anforderungen, die der fortgeschrittene Schiffbau
stellen mußte, weit zurückgeblieben, Vielfach mußten englische Erzeugnisse aus-
helfen, durch «die einzelne Firmen zu Fortschritten angeregt wurden. Durch-
greifende Änderungen traten erst ein, als die Kaiserl, Admiralität eingriff und
sich mit Bamberg in Verbindung setzte, zunächst allerdings nur im Interesse
der Kriegsmarine; doch machte sich der Einfluß Bambergs allmählich auch in
der Handelsmarine bemerkbar.
Die Deviationslehre und die Kompensation hatten ebenfalls in Deutschland
nur geringe Beachtung gefunden, Zwar wurde an den Navigationsschulen in
dem Fache unterrichtet und deren Lehrer waren bei der Aufstellunz und Kom-
pensierung der Kompasse hier und da tätig, aber es fehlte au Fundamental-
untersuchungen über die Richtung und Stärke der magnetischen Kräfte an Bord;
ebenso waren in keinem deutschen Hafen besondere Einrichtungen zum Kom-
pensieren und zur Deviationsbestimmung vorhanden,
Koldewey war gleich zu Beginn seiner Tätigkeit auf der Seewarte darauf
bedacht, eine größere Anzahl guter, nach den neueren Grundsätzen konstrujerter
Kompasse zu beschaffen, um Schiffsführern und Mechanikern Gelegenheit zu
veben, das Neue kennen zu lernen und anzuwenden, Die bei der Prüfung der
Kompasse anzuwendenden Methoden wurden von ibm Io Gemeinschaft mit Eylert
ausgearbeitet, Daneben ging ein eingehendes Studium der englischen Literatur
über Kompasse und Deviationslehre; in zahlreichen Veröffentlichungen war er
bestrebt, die Ergebnisse der Untersuchungen Airys, des Liverpool-Compass-
Committee und der von Archibald Smith und Evans in den deutschen
Aautischen Kreisen einzubürgern. Daneben ging er an die Bearbeitung der von
den Schiffen eingesandten Deviationsjournale; eine Frucht dieser Tätigkeit war
die Abhandlung »Über die Veränderung des Magnetismus in eisernen Schiffen«,
die im Jahre 1879 erschien und in der er den Versuch machte, den Einfluß des
remanenten Magnetismus auf die semizirkulare Deviation durch die von ihm ein-
geführten Glieder v und v* in den Ausdrücken für 3 und € darzustellen, ein
Versuch, der allerdings keine allgemeine Anerkennung gefunden hat, da er, wie
er schließlich selbst zugegeben hat, im günstigsten Falle nur als eine Annäherung
angesehen werden kann, Die Summe einer dreizehnjährigen Tätigkeit auf diesem
Gebiete ist in dem 1889 erschienenen »Kompaß an Bord« niedergelegt, der zum
größten Teil von Koldewey verfaßt ist und zeigt, in wie hohem Grade er das
Gebiet nach der theoretischen wie nach der praktischen Seite beherrschte. Das
Buch ist durchaus selbständig, keine Kompilation aus den englischen Arbeiten,
die ihm die Anregung zu seinen Studien gegeben hatten, sondern eine originelle,
durchaus den Stempel seiner Persönlichkeit tragende Leistung, die deshalb als
Einführung in das Gebiet nicht wohl geeignet scheint, aber dem Sachkundigen
den Gegenstand in interessanter Beleuchtung‘ zeigt. Wie er dies Gebiet be-
herrschte, geht auch aus seinen späteren Abhandlungen hervor, besonders aus
dem Aufsatz »Bemerkenswerte Anderung des Regelkompasses des D. „Phoenteia“
während des ersten Fahrtjahres« (»Ann, d, Hydr, usw.« 1897, 5.22). Die Auf-
yabe ist hier in ganz hervorragend geschickter Weise angefaßt, insofern die
Induktionskoeffizienten wegen der geringen Breitenänderung nicht auf die ge-
yöhnliche Weise bestimmt werden konnten; das Ergebnis konnte nur durch eine
höchst umsichtige Kombination der Gleichungen unter Benutzung aller vor-
legenden Erfahrungen In der Behandlung dieser Art von Beobachtungen
arreicht werden.