214 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1908,
scheint sie bedenklich, Denn man kann kaum bildend auf den Schüler einwirken,
wenn man ihm lauter einzelne Sätze und Aufgaben mit ihren Beweisen einspricht,
die für ihn dann doch kein Ganzes bilden und bei denen sich sein Geist nicht
behaglich und heimisch fühlt, wenn er auch zur Überzeugung von ihrer Richtigkeit
gewissermaßen gezwungen wird.!) Für die Navigationsschulen gewinnen diese
Gründe erhöhte Kraft nach der oben gemachten Bemerkung über ihre Schüler.
Sie, deren Element die Anschauung ist und die zum mathematischen, speziell zum
geometrischen Denken erst erzogen werden müssen, werden sich der dogmatischen
Lehrweise gegenüber, die nur ihr Gedächtnis in Anspruch nimmt und ihre Geduld,
immer ablehnend verhalten.*) Für sie eignet sich eine Vortragsweise, die ihre
ersten Begriffe der Anschauung entnimmt, und dann unter steter Wahrung und
Aufzeigung des naturgemäßen inneren Zusammenhanges, unter fortwährender In-
anspruchnahme des eigenen Denkens der Schüler das Lehrgebäude fortführt,
also eine genetisch-heuristische Methode. So wird man vor allem auch das
Interesse des Lernenden wach halten, das ja am stärksten ist bei dem, was er
selbst hervorbringen und finden kann. Freilich muß man das nicht übertreiben,
Lehrsätze und Beweise, die der Schüler nicht selbst finden kann, müssen ihm
in dogmatischer Form gegeben werden, die Heuristik darf nichts Gezwungenes
und Erkünsteltes haben. Andererseits muß man sich davor hüten, die heuristische
Methode etwa schon in einer Einkleidung dogmatischen Lehrstoffes in die Frage-
form zu erblicken.
Insbesondere, und darauf sei mit allem Nachdruck hingewiesen, empfichlt
sich die oben an einem Beispiel dargetane Behandlung der geometrischen Auf-
gabe. Ihr Wesen besteht, wie man sieht, darin, daß das in der Aufgabe Geforderte
für einen Moment als schon gefunden gedacht wird. Man zeichnet sich eine
Skizze, welche in mutmaßlichen Umrissen die in Wahrheit erst zu findende Figur
darstellt, Daraus leitet man dann anschaulich und auf Grund von schon be-
kannten Sätzen die Konstruktion ab. Hier tritt der Vorzug der genetisch-
heuristischen Lehrweise so recht zutage: Die dogmatische Methode stellt dem
Schüler eine Aufgabe, die durch das Vorhergehende nicht begründet ist, sie sagt
ihm einfach die Konstruktion vor, die er unverstanden hinnehmen und durch-
führen muß; erst dann erhält er den Beweis, erst jetzt erkennt er, daß die
gegebene Lösung wirklich richtig ist, wo er jetzt vielleicht gar kein Interesse
mehr daran hat, dies zu erkennen, erst jetzt kann er auch einsehen, warum er
denn die Konstruktion so machen mußte. Und selbst diese Erkenntnis wird ihm
oft genug durch die Art des Beweises erschwert, so in dem angegebenen Bei-
spiele, In der genetischen Methode dagegen sieht er die Konstruktion entstehen,
findet sie gewissermaßen selbst, er wird mit Freude an ihre Ausführung heran-
gehen, die für ihn jetzt nichts Befremdendes mehr haben kann. Vielleicht wird
man einwenden, es sei bedenklich, die Aufgabe als schon gelöst anzunehmen,
Aber das ist doch in der Tat genau das nämliche Verfahren, das z. B. bei Auf-
lösung einer arithmetischen Aufgabe mit Hilfe einer Gleichung als etwas Alt-
gewohntes erscheint: man sucht dort irgend eine Größe, die man nicht kennt,
man denkt sie sich gefunden und bezeichnet sie mit x, dann stellt man für
sie die Gleichung auf und ermittelt nun x aus den in der Gleichung formulierten
Bedingungen,
Ein weiterer Vorzug dieser Behandlung der geometrischen Aufgabe besteht
darin, daß sie allgemeine Prinzipien bietet, nach denen ganze Klassen solcher
Aufgaben gelöst werden können. Da nämlich die Analysis die Überlegungen
enthält, die die Konstruktion auffinden lassen, so ist klar, daß bei gleichartigen
Konstruktionsaufgaben die Analysis ähnlichen Charakter trägt. Man erhält in
der Tat durch die genetische Behandlung ‚eine systematische Einteilung der
Konstruktionsaufgaben und einheitliche Methoden für ihre Lösung. Die oben
als Beispiel angeführte Aufgabe ist mittels der »Methode der geometrischen
ä Vgl. o. a. die vorzügliche kleine Schrift: »Über Zweck und Methode des mathematischen
Unterrichtes usw. von Jos. Helmes. Hannover 1844. Hahn.
2) Vielleicht ist die Herrschaft dieser Lehrweise der Grund dafür, daß die Planimetrie vielfach
Jas Schmerzenskind des Unterrichtes an den genannten Schulen ist,