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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 36 (1908)

202 Annalen der Hydrograpbie und Maritimen Meteorologie, Mai 1908, 
beobachtet worden, aber leider scheint nicht wie bei den früheren Vermessungen 
auch der Salzgehalt berücksichtigt worden zu sein. Die Vermutung liegt indes 
nahe, daß mit den großen Veränderungen der Strömungen auch der Salzgehalt 
des. Wassers beträchtlichen Schwankungen unterliegt; die gleichzeitige Messung 
desselben. dürfte deshalb hier erwünscht sein, hat sich auch bei den übrigen 
Forschungen im St. Lorenzgolf besonders bewährt und sollte überhaupt nie bei 
Strömungsuntersuchungen unterlassen werden, 
Eine alte, verbreitete Anschauung über die Strömung in der 
Belle Isle-Straße war die, daß ein ständiger Strom vom Ozean her durch die 
Straße gehe, den Golf passiere und durch die Cabot-Straße wieder austrete, Sie 
war offenbar gestützt auf die Trifft der Eisberge des Labradorstromes, die in 
der Tat gelegentlich in die Belle Isle-Straße hineinsetzt, Aber erstens geschieht 
das nur bei einem verhältnismäßig geringen Prozentanteil jener Eisberge, während 
die meisten draußen vorüberziehen, zweitens läßt sich diese zeitweilige Trift 
auch ohne konstanten Strom erklären, und drittens setzt sie sich nicht etwa 
Jurch den Golf bis zur Cabot-Straße fort, was nach jener Ansicht doch zu er- 
warten wäre!) Jene Anschauung ist denn auch schon in den erwähnten früheren 
Veröffentlicehungen Dawsons als unzutreffend erkannt worden und kann ebenso 
nach den jüngsten Forschungen nicht nachdrücklich genug zurückgewiesen 
werden, zumal in Anbetracht ihrer Gefahr für die Schiffahrt, Der lanye Bestand 
dieses Irrtums erscheint übrigens um so merkwürdiger, als nach einer neuen 
Feststellung Dawsons schon im Jahre 1854 durch M. H. Warren der wahre 
Charakter der Strömung wenigstens der Hauptsache nach erkannt und in 
einem Bericht an das Kolonialsekretariat von Neufundland vertreten worden 
war, Das ist nämlich der Gezeitencharakter. Zu dem Gezeitenelement tritt 
dann nur noch eins hinzu, welches ebenfalls in der Richtung varliert, aber ganz 
unregelmäßig; es möge im folgenden im Gegensatz zu jenem als »das Element 
der zeitweilig herrschenden Strömung« (Dawsons »dominant flowe) bezeichnet 
werden. 
I. Das Gezeitenelement. 
Der Flutstrom setzt westwärts d.h. vom Ozean her in die Straße hinein, 
der Ehbestrom ostwärts d, h, in den Ozean hinaus, Der Strom hat im allyemeinen 
in beiden Richtungen ziemlich gleiche Stärke und zwar 2 bis 3 Knoten. Er hängt 
bis ins einzelne eng mit dem Charakter der Tide zusammen, Diese hat in der 
Straße nach den Angaben des Pegels von der Forteau-Bai einen Tidenhub, der 
im Mittel bei Springtide 1 m, bei Nipptide */, m und im Maximum (bei täglicher 
Ungleichheit} 1'/, m erreicht, Im Typus ähnelt sie der gewöhnlichen Tide des 
offenen Nordatlantischen Ozeans an diesen Küsten, z.B. der zu Halifax. Sie 
unterscheidet sich von dieser Nordatlantischen nur durch die sehr scharf aus- 
gesprochene tägliche Ungleichheit, die fast so stark ist wie die halbmonatliche. 
Dagegen ist der Einfluß des Mondabstandes, die bezeichnendste Eigentümlichkeit 
der Tide in der Fundy-Bai, hier äußerst geringfügig. 
Von dieser Tide der Belle Isle-Straße also spiegelt sich jeder einzelne Zug 
Auch im Strome wieder: 1. seine Stärke wechselt ganz nach Art der Tide von 
der Spring- bis zur Nippzeit; 2. wann die tägliche Ungleichheit sehr ausgesprochen 
ist (Monddeklination groß), dann wechselt auch die Stromstärke entsprechend, 
und zwar ist dies sogar die ausgesprochenste ihrer Änderungen, so daß sie in 
ihrem Maximalbetrag die zwischen Spring- und Nipptide bestehende übertrifft; 
& der verschiedene Mondabstand im Perigäum und ÄApogäum hat keinen merk- 
lichen Einfluß auf den Strom; 4, jede Unregelmäßigkeit in der Tidenkurve ist 
in gleicher Weise erkennbar im Strome, 
Dieses den Gezeiten entsprechende Strömungsbild erhält aber eine große 
Komplikation durch eine dazutretende Tendenz eines stärkeren Fließens in der 
einen oder anderen Richtung, a, h. durch: 
;} Vgl, «Die Eistrift aus dem Bereich der Baffinbaie, Veröffentlichungen des Instituts tür 
Meereskunde zu Berlin, Hett 7, S&, 51— 32.
	        
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