196 Annalen. der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1908,
schließen, um den stürmischen Zeitabschnitt als Ganzes zu behandeln, zumal sich
dabei auch die Gelegenheit bietet, den typischen Sturm der Östlichen Ostsee hier
in zwei, allerdings recht bescheidenen Exemplaren vorzuführen,
Zunächst wurden am Morgen des 1. an der Küste von Rixhöft bis Brüsterort
stellenweise steife und vereinzelt stürmische Winde aus Nord bis Nordost hervor-
gerufen; in der Nacht war ein flaches Minimum unter 765 mm von dem Süden
der Ostsee nach Litauen vorgedrungen und gleichzeitig ein Hochdruckgebiet über
Skandinavien zu starker Entwicklung gelangt, das am Morgen südwärts drängte
und vorübergehend große Gradienten über jenem Küstengebiet herrorrie£.
Während sich dieses Hochdruckgebiet schnell nach Kontinentaleuropa ver-
lägerte und schon am Mittag des 2, mit seinem höchsten Druck von Nord-
Aeutschland nach Schottland reichte, erschienen. bereits am Abend des 1. im
hohen Norden Ausläufer einer Depression über dem Eismeer; zwei solche in süd-
östlicher Richtung über Skandinavien fortschreitende Ausläufer riefen am 2, von
Rixhöft bis Brüsterort stellenweise stürmische Südwestwinde, am 3. von Rügen
bis Memel mehrfach stürmische Winde aus beiden Westquadranten, besonders
verbreitet wieder von Rixhöft bis Memel, und am 4. noch teilweise aus dem
Kordwestquadranten über diesem Gebiet hervor; die Ausläufer folgten so schnell
aufeinander, daß die von den Sturmwarnungsstellen beobachteten stürmischen
Winde teilhreise nicht mit Sicherheit den verschiedenen Ausläufern zugeordnet
werden konnten,
Am Morgen des 6, frischten die Winde an der Ostsee zwischen Rixhöft
und Memel teilweise bis steif und stürmisch sus südwestlicher Richtung im
Bereich eines yom hohen Norden südwärts reichenden Ausläufers auf, der in
langsamem Abzuge begriffen war, indem sich sein südlichster Teil seit dem Yor-
abend von Ostpreußen nach Westrußland verlagert hatte, Dieses Auffrischen
auf der Rückseite des fortzielienden Ausläufers stand in ursächlichem Zusammen-
hang mit dem IMeranschreiten des Sturmwirbels über den Britischen Inseln,
indem der die beiden Depressionsgebiete trennende Keil hohen Druckes ostwärts
sorgedrängt wurde und dadurch die Gradienten auf der Südwestseite der ab-
ziehenden Depression verschärfte, In dieser Weise becbachten wir nicht sehr
selten, daß eine im Nordwesten heranziehende Depression im Osten der Küste
innerhalb des Bereiches einer für Stürme an unserer Küste eigentlich bereits
abgetanen Depression stürmische Winde verursacht,
Endlich wurden noch am 11. und 12. stürmische Winde, aus westlichen
Richtungen vechtdrehend, vielfach wieder von Rixhöft bis Brüsterort beobachtet;
das an dem Nordoststurm vom 9, bis 10, stark beteiligte Hochdruckgebiet hatte
seinen Kern höchsten Druckes bereits in der Nacht zum 11. nach Kontinental-
europa verlegt, und vom hohen Nordwesten her war eine Dopression nachgefolgt,
die sich am 11. in einem Ausläufer südostwärts über die Ostsee ausbreitete und
diesen Ausläufer noch am 12. in derselben Lage behauptete, während sich das
Hochdruckgebiet im Gefolge einer Rechtdrehung seiner Längsachse über das
Nordseegebiet ausbreitete,
Jene Stürme vom 2, bis 4. und 11. bis 12. sind Beispiele für die besondere
Gattung von Stürmen, die aus westlichen Richtungen rechtdrehend. oder nur aus
dem Nordwestquadranten an der östlichen Ostsee beobachtet werden, während
die Nordseeküste im Bereiche eines Hochdruckgebietes häufig ganz ruhiges
Wetter genießt, Gelegentlich, aber nicht häufig, breiten sich diese südostwärts
über Skandinavien hinweg hereinbrechenden Ausläufer niedrigen Druckes auch
weiter westwärts aus, Aber, wie gesapt, die hier auftretenden Beispiele vermögen
nicht erkennen zu geben, wie diese Gattung von Stürmen häufig tagelang mit großer
Stärke anhalten; ihnen ist es zuzuschreiben, daß der Östen der Ostsee mehr
Starmtage als der Weosten zählt, Da das Vordringen der diese Stürme verur-
sachenden Ausläufer oft ein außerordentlich schnelles ist, so daß eine rechtzeitige
Sturmwarnung häufig allein auf ein stärkeres Fallen: des Barometers und starkes
Auffrischen aus Südwest bei Christiansund hin erfolgen muß, zu einer Zeit, wo die
ostpreußische Küste oft noch Barometerstände über 770 mim aufweist, und da
anderseits die Entwicklung solcher Ausläufer recht verschieden und nicht selten