(irosemann: Die stürmischen Winde an der deutschen Küste vom 1. bis 12. Januar 1%085, 195
Kopenhagen, 9. Jannar. Seit gestern abend herrscht heftiger Schneesturm, In ganz Dänemark
ist der Verkehr seit der Nacht auf fast allen Staats- und Privatbahnen unterbrochen, Der Verkehr
zuf der Südbahn, anf Seeland und Falster ist eingestellt. Der gestrige Abendexpreßzug Kopenhagen—
Berlin ist von Rocskilde aus zurückgefahren. Der Expreßzug von Berlin, der gestern abend bier ein-
Ireffen sollte, ist unterwegs liegen geblieben, Die Personenzüge auf Seeland, Fünen und Jütland
blieben auf offener Strecke im Schnee stecken, Kopenhagen erhielt heute keine Post aus der Provinz
and dem südlichen Ausland. Im Laufe dos Tages ist keine wesentliche Besserung in den Verkehrs-
zerhältnissen eingetreten. Der Verkehr auf den Hauptlinien ist fast vollständig Jahmgelogt. Infolge
hoher Flut ist auch der Fährenverkehr von Seeland nach Falster und von Falster nach Deutschland
unterbrochen. In Kopenhagen ist heute nur die Post aus Kiel und einzelnen Städten Seelands eingegangen,
Kopenhagen, 10. Januar. Sämtliche Strecken in Jütland, ausgenommen Langear-Struer, wo
aber der Verkehr sehr unsicher ist, sind wegen Schneeverwehung gesperrt. Ebenso ist der Betrieb ein-
gestellt auf Seeland zwischen Roskilde und Musnodsund, Slagelsc— Vürsler, Slagelse—Nästved, Dal-
mose—Skelskör, Sorövedde und Frederikssundbahn.
Hadersleben, 10. Januar, Die Stadt ist noch immer von jedem Verkehr nach außen ab-
geschnitten. Der vorgestern abgegangene, nach Woyens bestimmte Staatsbahnzug steckt noch immer
im Schnee,
Lüheck, 9. Januar, Heute vormittag 10!/, Uhr dröhnten vom Burgtor her Kanonenschüsse
über die Stadt, Das Wasser der Trave hat eine so bedenkliche Höhe erreicht, daß die Bevölkerung
an der Wasserkante durch die Warnungsschüsse darauf hingewiesen wird, sich auf cine Überschwemmung
sinzurichten, Teilweise überflutet die Trave schon die niedrig gelegenen Straßendämme.
Lübeck, 10, Januar. Das gestrige Hochwasser hatte erst gegen 9 Uhr abends seinen Höhe-
punkt erreicht; noch cine halbe Stunde vorher hatte cin Kanonenschnß weiteres Steigen gemeldet,
Heute sieht es in den Wohnungen und Kellern, die unter Wasser standen, traurig aus. Die Fußböden
and mit diekem Schlamm bedeckt, und ein starker Geruch macht sich bemerkbar. An mehreren
Stellen hat man Pumpen zur Herausschaffung des Wassers in Tätigkeit setzen müssen. Der Wasser-
stand war heute morgen um 8 Uhr noch so hoch, daß er die Kais an der Obertrave überspülte. Auf
der Eisenbahnstrecke Lübeck-—Travemünde hat heute vormitiag um 9 Uhr der Betrieb wieder eröffnet
werden können.
Wismar, 9. Januar, Infolge des starken Nordostwindes ist das ganze Hafengebiet unter Wasser
vesetzt, Das Innere der Häuser in der Nühe des Hafens steht unter Wasser. Die See ist noch im
Steigen begriffen.
Rostock, 9. Januar. Der Sturm hat das Wasser der Unterwarnow hoch aufgestaut. Die Fahrten
des Motorbootes nach Gehlsdorf sind eingestellt. Der Christinenhafen ist vollständig überfintet; die dort
angrenzenden Lagerphlätze und Wertten sind unter Wasser, auch sollen die Kohlenlager auf dem
Kohlenkai teilweise überschwemmt sein, ebenso in verschiedenen Straßen. In Warnemünde steigt das
Wasser noch fortwährend. Die Fähre »Mecklenburg« traf heute mittag von Gjedser in Warnemünde
ain, ging aber nicht wieder aus, In Warnemünde sind auch alle Wiesenniederungen überschwemmt,
and das Wasser im alten Strom ist über die Ufer getreten,
Stettin, 10. Januar. Das Haffeis ist gestern bei dem herrschenden heftigen Nordostwind stark
in Bewegung gewesen; nur am Vormittag scheint es den Eisbrechern gelungen zu sein, eine Fahrt über
Jas Haft auszuführen, denn es ist nur ein einziger Dampfer gestern hier angekommen, Daß die Ver-
hältnisse sehr schwierig waren, erhellt aus dem Umstande, daß selbst der Dampfer »Heringsdorf«, der
gestern nachmittag um 2 Uhr hier eintreffen sollte, die Fahrt von Swinemünde hierher nicht an-
treten konnte.
Stettin, 10. Januar. Der heftige Nordoststurm, der gestern wütete und das Eis im Haff stark
in Bewegung brachte, hat auch den Eisbrechern viel zu schaffen gemacht, Die am Morgen von hier
abgegangenen Schiffe waren im Laufe des Vormittags etwa bis zur Mitte des Haffs gekommen, als
der Sturm stoßweise einsetzte und die Eismassen gegen die Schiffe drängte. Da letztere ziemlich dicht
aufeinander folgten, so gerieten sie in Gefahr, gegeneinander gedrängt zu werden. Die gebrochene
Fahrrinne im Eise wurde hinter jedem der Schiffe zugeschoben und diese selbst stark nach Westen
gedrängt, Die Eisbrecher mußten nur immer ein Schiff zur Zeit hindurchbringen.
Königsberg 1. Pr., 9. Januar. Infolge des andauernden heftigen Schnecfalles erleidet der Zug-
verkehr im Osten starke Verspätungen. Sämtliche Kleinbahnen stellen den Betrieb ein.
Insterburg, 9. Januar. Die Strecke Insterburg— Tilsit ist infolge Schneeverwehungen seit heute
früh gesperrt,
Erwähnung verdient die große Ähnlichkeit zwischen den Wetterkarten
vom 8, und 9, Januar mit denen vom 14. und 15. Dezember, an welchen Tagen
auch ein tiefes Minimum vom OÖsteingang des Kanals her Deutschland durch-
querte und nahezu dieselben Lagen auf den entsprechenden Wetterkarten ein-
nahm; jenes Minimum verlor aber auf dem Wege an Tiefe, und es drang damals
hoher Luftdruck von Nordosteuropa über Skandinavien vor, während im Januar
ein von Nordwesten heranziehendes Hochdruckgebiet die Verschärfung der Luft-
druckgegensätze hervorgerufen hat.
Die stürmischen Winde vom 1. bis 4., am Morgen des 6. und am 11./12. Januar.
Weniger schwer und ausgedehnt waren die stürmischen Winde an den
übrigen Tagen des hier behandelten Zeitraumes; ihr nahes Zusammenfallen mit
jenen Sturmtagen machte es aber wünschenswert, ihre Besprechung kurz anzu-