Ann. d. Hydr. usw., XXXVI Jahrg. (1908), Heft V.
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Die stürmischen Winde an der deutschen Küste vom 1. bis 12. Januar 1908.
Von Prof, Dr. Grossmmm, Deutsche Seewarte,
(Hierzu Tafel 8,}
Nachdem die Monate September bis Dezember 1907 an der deutschen
Küste ungewöhnlich ruhig verlaufen waren und nur vereinzelt stürmische Winde
gebracht hatten, führte uns der Januar alsbald eine ganze Reihe stürmischer
Tage herbei, unter denen besonders ein schwerer Südweststurm am 6. und ein
schon am 9. nachfolgender schwerer Nordoststurm unser Interesse verdienen und
auch durch ihre schnelle Aufeinanderfolge bemerkenswert waren,
Die beiden Sturmwirbel dieser Tage entwickelten sich aus einer Depression,
die wir auf den Wetterkarten des Internationalen Dekadenberichts Nr. 271, Nr. 1
von 1908 auf ihrem Wege über den Atlantischen Ozean verfolgen können, nach-
dem sie von Kanada herkommend, am 2. Januar auf dem Lorenz-Golf erschienen
war; etwa dem 45. Grade folgend, war sie mit einer durchschnittlichen Ge-
schwindigkeit von ungefähr 18 m p. Sek, bereits am 3, bis gegen 40° W-Lg. vor-
gedrungen. Den weiteren Weg vermögen wir nicht genau zu erkennen, doch muß
gich die Depression bei ihrer Annäherung an Europa stark nordwärts gewandt
haben, da sich ihr Minimum am Morgen des 6. Januar nordwestlich von Europa
befand, von wo sich ein Ausläufer niedrigen Drucks südwestwärts bis 30° West
und etwa 42° Nord erstreckte, Darüber lassen jedenfalls jene Dekadenkarten
keinen Zweifel bestehen, daß der zweite Sturmwirbel mit dem Nordoststurm auch
aus derselben Depression entstammt.)
Ferner ist beiden Wirbeln gemeinsam, daß sie sich erst über Westeuropa
zu Stüurmwirbeln ausgebildet haben, indem ihre Tiefe sehr schnell zugenommen
hat. Dieses lassen die beigefügten Wetterkarten auf Tafel 8 erkennen, die aus
den Wetterkarten der Seewarte unter Berücksichtigung jener Dekadenkarten und
hach Ergänzung durch Beobachtungen aus den Petersburger Wetterbulletins, und
diejenigen von Island, den Farör-Inseln und Dunrosness, die an jenen Tagen wegen
Kabelstörung ausgeblieben waren, abgeleitet worden sind,
Der Südweststurm vom 6. Januar 1908.
Jedenfalls war die Wetterlage vom Morgen des 6. Januar dazu angetan,
stürmische Witterung befürchten zu lassen, so daß im Laufe des Vormittags zu-
nächst die Küste von Borkum bis Rügen gewarnt wurde. Seit dem Vorabend war
über Nordwesteuropa ein starker Barometerfall eingetreten; die Änderungen des
Barometers ergaben ein von Island bis nach dem Süden der Nordsee reichendes
Fallgebiet mit einem größten Barometersturz von 19 mm bei Stornoway. Die
von dem am Morgen über Nordschottland liegenden Minimum einzuschlagende
Richtung war durch die Druckverteilung vorgezeichnet, oder, weniger bestimmt
ausgedrückt, diese entsprach der Erwartung. Bemerken wir nämlich vor einem
Minimum einen Keil hohen Drucks mit symmetrisch gekrümmten Grenz-Isobaren
zu beiden Seiten, so pflegen die Minima senkrecht zur Mittellinie des Keils fort-
zuschreiten, während sie in’dem Falle einer asymmetrischen Gestalt des Keils,
daß die dem Minimum zugekehrte Seite, abweichend von der anderen, stark ein-
gebuchtet erscheint, auf die Tiefe der Bucht lossteuern, -— zus dem Verhalten, daß
wir von allen schnell fortschreitenden Minima solche Keile hohen Drucks anzu-
treffen pflegen, beruht das bekannte fächerförmige Auseinandergehen der Isobaren
1) Dagegen lassen sich auch die auf den Wetterkarten vom 7, "bis 32. Januar im Westen er-
scheinenden Minima als selbständige Erscheinungen auf ihrem Wege von Kanada bis nach Europa anf
dem Ozean verfolgen.
Ann. d, Hyrdr. u8w., 1908, Heit V,