Perlewitz, P.: Zur Oxeanographie der nordeuropäischen Meere usw. 1541
mäßig geringe Salzgehalt charakteristisch, besonders im Sommer, wenn die Flüsse
ihr Süßwasser zuführen, Aus den Vertikalschnitten dieser Gegend geht hervor,
daß wir im flacheren Süden noch im Mai eine ausgesprochene Vertikalzirkulation
haben, da die Temperatur von oben bis unten sehr gleichmäßig ist, etwa =-1.8°
(Stat. 6), weiter, im Norden aber, mehr in der Tiefsee, horizontale Zirkulation;
es ist hier (Stat. 3) eine Schicht wärmeren Wassers zwischen kaltem Öberflächen-
und Bodenwasser eingeschlossen, Das letztere kann aber nicht aus der flacheren
südlicheren Gegend herstammen, da Flach- und Tiefsee durch einen warmen
Horizontalstrom längs des Abhanges (Stat. 5) getrennt sind. Das kalte Boden-
wasser muß also hier (Station 3) aus einer andern Gegend herstammen als aus
dem Süden, nämlich aus dem Norden oder Osten, wahrscheinlich vom Nowaja
Semlja-Schelf.
Aus der beigefügten Übersichtskarte, auf der die Amundsenschen Stationen
verzeichnet sind, erkennen wir übrigens, daß sich zwischen Station 3 und 5 eine
Rinne von mehr als 200 m Tiefe erstreckt, die den russischen Schelf und den
von Nowaja Semlja trennt. In diese Rinne dringt offenbar ein Teil der er-
wähnten wärmeren Zyklonalströmung der Barentssee ein und erwärmt, stets
nach rechts drängend, besonders die südliche Flanke, also Station 5. Station 3
und 4, nördlich und östlich dieser Rinne, werden weit weniger durch die Horizontal-
strömung beeinflußt und können ihr kaltes Bodenwasser direkt von den Bänken
Nowaja Semljas empfangen.
Hier bei Nowaja Semlja finden wir das schwerste und kälteste Bodenwasser
nicht nur der Barentssee, sondern überhaupt irgend eines mit den Ozeanen frei
verbundenen Meeres, wie durch Breitfuß an der ganzen Küste entlang zwischen
73° und 765° N-Br. festgestellt ist. Besonders charakteristisch ist die Station
W 1I von Weollabaek vom 31. Mai 1900.
Tiefe in m
Temperatur
CC
| Salzgcehalt, bestimmt durch
; das Total-
Titration | Immersions
Aräometer
7
—1.22 3483
—12 | 5
1.50 36
| 7138 88
A ST ] SZ
. — 65 SS fr
L00 — 1.65 S7 58
120 | — 1.80 35.15 | 35.16
Da dies kalte schwere Wasser nirgends in den angrenzenden Meeren ge-
funden ist, so ist damit auch bewiesen, daß es nicht anderswoher stammen kann,
im besondern nicht aus dem Norden, wie vielfach angenommen ist, Es muß
vielmehr an Ort und Stelle entstanden sein,
Die zentrale Depression der Barentssee ist, besonders im Süden und
Osten von einem zyklonalen warmen Strom umgeben und im Innern wie mit
einem Berg kalten schweren Wassers um die russische Station R 22 herum!) und
nördlich davon angefüllt, dessen Ursprung, da kein Zusammenhang mit dem
kalten Bodenwasser bei Nowaja Semlja besteht, im Zentrum der Depression selbst,
also an Ort und Stelle, zu suchen ist. Das kalte Bodenwasser breitet sich von
hier langsam nach den Seiten aus, um in dem wärmeren Zyklonalstrom sein
Ende zu finden. Dieser wird sowohl hierdurch von innen als auch von außen
durch das kältere Küsten- und Schelfwasser allmählich abgekühlt, so daß er bei
seinem Vordringen nach Norden mehr und mehr an Ausdehnung und Wärme
verliert. Im mittleren westlicheren Teil der Barentssee ist übrigens das Boden-
relief sehr mannigfaltig, und die Temperaturen sind in den Jahreszeiten und
Jahren sehr verschieden, Auf der Station 12 finden wir z, B. im Juni 1901 eine
Zwischenschicht von etwa 0° in 80 bis 120 m Tiefe. darüber und darunter sind
) Knipowitsch, »Anpn, d. Hydr. usw.« 1905, Tafel 6 Fig. 2.