i22 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1908,
Ebbeströmung zugeführte Wasser überwog. Dieses Resultat ist ermöglicht durch
die Beobachtungen des Salzgehalts am Boden, da durch die Beobachtungen des Salz-
gehalts an der Oberfläche allein ein hiervon abweichendes Ergebnis erzielt worden
wäre. Bemerkenswert ist das Übereinanderlagern oder Hinweggleiten zweier
Schichten verschiedenen Salzgehalts beim Umsetzen der Strömungen; auch ersetzt
die Bestimmung des Salzgehalts am Boden zum Teil die Bestimmung der
Strömung selbst.
Da neuerdings von Knudsen angeregt worden ist, exakte Salzgehalts-
bestimmungen an Bord bei zweifelhafter Position eines Schiffes zur näheren Be-
stimmung der Position heranzuziehen,!) so interessieren auch die etwas weiter-
gehenden Schlüsse des Verfassers über das Küstenwasser,
Durch die Arbeiten der internationalen Meeresforschung weiß man, daß
eine Zunge atlantischen Wassers über 35°, aus dem Ostende des Kanals nach
Nordosten vordringt, welche in ihrem Ausmaß Schwankungen unterliegt, jedoch
selten über das Nordende Hollands hinausragt. Längs der Küste, vom Skagerrak
bis Calais, zieht sich ein Band salzärmeren Wassers, welches sich merklich von
dem Wasser auf hoher See im Salzgehalt unterscheidet. Nach den belgischen
Beobachtungen ist dieses Band von Küstenwasser zuweilen unterbrochen, wenn
heftige Südwestwinde das Wasser von hoher See auf die Küste zudrängen. Da
Knudsens Vorschlag darauf beruht, durch die Salzgehaltsbestimmung das
Küstenwasser und damit die Nähe der Küste selbst mit ihren Untiefen festzu-
stellen, so ist dies ein Punkt, welcher bei einer etwaigen Verwendbarkeit der
Methode sehr in Rücksicht zu ziehen ist, übrigens auch von Knudsen selbst
schon bei den Verhältnissen an der westbritannischen Küste diskutiert worden ist.
Wie ist nun die Bewegung des Küstenwassers? In der Breite wird das
Band des Küstenwassers an der einen Seite stetig durch seine Berührung und
Mischung mit salzhaltigerem Wasser von See aus aufgezehrt, an der anderen,
der Landseite, stetig verstärkt durch Zuwachs aus den Flüssen, Das Band des
Küstenwassers wird aber auch Bewegungen in seiner Längsrichtung unterworfen
sein durch den Einfluß der Gezeitenströmungen, welche an der ganzen Küste
herrschen. Da nun, wie sich aus den vorliegenden Beobachtungen ergibt, Fiut-
und Ebbeströmung nicht stets gleichwertig sind, sondern die Flutströmung die
Ebbeströmung zu überwiegen scheint, so würde hieraus sich eine Bewegung des
Küstenwassers nach Nordosten ergeben, jedoch fehlt es bislang an Beobachtungen,
um dieses festzustellen.
Die Beobachtungen der Temperatur der Meeresoberfläche und des Boden-
wassers ergeben nur äußerst geringe Differenzen von einigen Zehntel Grad
(18.1° bis 184°.
E. Änderungen der Menge von festen Schwebepartikeln.
Die Änderungen in der Durchsichtigkeit und Farbe des Küstenmeeres
hängen zum größten Teil von seinem Gehalt an anorganischen, in der Schwebe
befindlichen Stoffen ab. Ist das Wasser in Bewegung, so wird es relatiy viele
Sinkstoffe mit sich führen, kommt es in Ruhe, so wird es die Sinkstoffe schnell
ablegen. Die Änderungen in der Klarheit des Küstenwassers sind in der Hauptsache
Folgen der dasselbe beherrschenden Bewegungszustände. Der sich aus dem Wasser
niederschlagende äußerst feine Staub kann oft in wenigen Stunden eine Dicke von
mehreren Millimetern erreichen, er muß also empfindlichen, auf dem Schelf lebenden
Individuen schädlich sein; diese fehlen daher in den Gebieten, wo starke Ab-
jagerungen stattzufinden pflegen. Zu diesem biologisch wichtigen Moment kommt
für die Frage nach Quantität der Sinkstoffe und Änderung der Mengen noch hinzu,
daß der Niederschlag der Sinkstoffe die Zugänge zur Küste, die Häfen, Fluß-
mündungen usw. beeinflußt. Die Sinkstoffe gelangen mit der Gezeitenströmung in
die Häfen, werden dort bei Stillwasser abgesetzt und können in größeren Zeiträumen
Änderungen in den Tiefenverhältnissen bewirken, So setzt sich auch auf der
Reede von Östende ein schwarzer Schlamm ab, welcher in der Oberflächenschicht
i) Publications de eircanstances Nr. 38, 1907.