Reuter, W.: Die Azimutdiagramme und ihre Verwendung zur Lösung nautischer Aufgaben. 73
können, Der Faden wird auf das Zenit eingestellt, dann der Höhenparallel
gezogen, was mit Hilfe des Maßstabes auf einem der beiden Halbmesser leicht
geschehen konnte. Der Schnittpunkt dieses Parallels mit dem Abweichungs-
parallel bestimmte den Stundenkreis, auf dem das Gestirn bei der beobachteten
Höhe stand. Auch andere Aufgaben konnten damit auf ähnliche Weise gelöst
werden. Im Jahre 1859 veröffentlichte Dr. Prestel das nautisch astronomische
Diagramm, !) mit dem sich alle astronomischen Aufgaben der Navigation ohne
Rechnung lösen lassen, Dasselbe besteht aus zwei Blättern in größtem Folio-
format und beruht auf der Darstellung der trigonometrischen Linien durch
Zeichnung. Die Lösung der verschiedenen Aufgaben kann mit Hilfe dieses
Diagramms durch Messung mit dem Zirkel bewerkstelligt werden. Irgend
nennenswerte Verbreitung hat dasselbe jedoch niemals gehabt, und ist es jetzt
ganz in Vergessenheit geraten.
Mit der Verwendung des Eisens zum Schiffbau trat neben der Breite
und Länge noch die Bestimmung der Mißweisung des Kompasses als tägliche
Aufgabe in den Vordergrund. Dazu ist die Kenntnis des wahren Azimuts
eines Gestirns erforderlich, dessen Kompaßazimut man durch Peilung bestimmt
hat. Das wahre Azimut kann berechnet werden, wenn die Breite, Abweichung
und Höhe, oder der Stundenwinkel, Breite und Abweichung bekannt sind.
Zur Lösung dieser Aufgabe sind in neuerer Zeit Diagramme veröffentlicht,
von denen sich besonders zwei auszeichnen, weil. sie in sehr einfacher Weise
die gesuchte Größe geben. Beide Diagramme können aber auch zur Lösung
anderer Aufgaben benutzt werden, Die beiden Diagramme, welche hier ein-
gehender besprochen werden sollen, sind das von Kapitän Weir veröffentlichte
und ein in Washington erschienenes Zeitazimut-Diagramm. Auf das Weirsche
Diagramm ist schon in »Ann. d, Hydr. etc.« 1890, S. 488 aufmerksam gemacht,
und ebenda ist gezeigt, wie seine Kurven durch Zeichnung entworfen werden
können; auch die Gleichungen der Kurven sind gegeben und auf ihre wesent-
lichen Eigenschaften hingewiesen, Herr Dr. Maurer hat dann in »Ann, d. Hydr.
etc.« 1905, S. 125 ebenfalls die Gleichungen der Kurven in etwas anderer Weise
abgeleitet und durch Hinzufügung eines transparenten Transporteurs die
Ablesung wesentlich erleichtert.
Beide Diagramme, das Weirsche sowohl wie das in Washington erschienene,
sollen zur Lösung der Aufgabe dienen, aus Stundenwinkel, Breite und Ab-
weichung das Azimut des Gestirns zu bestimmen, Bei beiden ist die bekannte
Gleichung für das Azimut:
cotg A = BSP _ sin cotg t
benutzt. Weir hat diese Gleichung auf rechtwinklige Koordinaten bezogen
und als y-Achse den Meridian, als x-Achse den Aquator gewählt. Der Gleichung
für cotg A hat Weir dahn zunächst folgende Form gegeben:
cotr A =— __gpcost— tg 6
. sec g sin £
Diese Gleichung geht für d= 0 über in:
— tg cp cost
cotg A = secwm-sint
Hieraus ergibt sich die Gleichung der Breitenkurven, wenn man t, und die
Gleichung der Stundenkurven, wenn man g eliminiert. Führt man diese
Elimination aus, so erhält man in rechtwinkligen Koordinaten für die Breiten-
kurven die Gleichung:
x? y®
a A = 1
sec? &*© + te?
1) Das astronomische Diagramm, ein Instrument, mittels dessen der Stand und Gang einer
Uhr, das Azimut terristrischer Gegenstände, die Mittagslinie, die Abweichung der Magnetnadel, der
Auf- und Untergang der Gestirne bestimmt und andere Aufgaben der astronomischen Geographie usw.
schnell, sicher und bequem ohne Rechnung gelöst werden können.
Vom Dr. M. A, F. Prestel. Braunschweig. Viewer u. Sohn. 1859