Nathansohn, A.: Vertikale Wasserbewegung und quantitative Verteilung des Planktons im Meere. 69
die dadurch bewirkte Vertikalzirkulation, wobei zu beachten ist, daß das
Dichtemaximum des Seewassers nicht bei + 4° CC, sondern in der Nähe des
Gefrierpunktes liegt. Man sollte daher erwarten, daß diese Tatsache allein
genügen sollte, den Unterschied der Produktionsfähigkeit verschiedener Meere
zu erklären. In der Tat ist namentlich in den in hohe Breiten gelangenden
warmen Strömungen die winterliche Vertikalzirkulation besonders intensiv,
und erstreckt sich oft auf viele hunderte von Metern in die Tiefe, Jedoch
wird. meistens diesem Vorgange eine Grenze gesetzt durch Unterschichten, die
infolge hohen Salzgehaltes oder sehr niederer Temperatur eine bedeutende
Dichte besitzen. So kommt es, daß im offenen Meer nur selten die Be-
dingungen für eine sich bis auf den Boden erstreckende Vertikalzirkulation
gegeben sind. Ein solcher Fall liegt vor in dem westlich vom Rejkjanaes-
rücken, der sich von Island nach SW erstreckt, liegenden Meeresteil. Dort
befindet sich nach Knudsens!) Untersuchungen ‚ein fast völlig homogenes
Wasser, das durch Mischung von polarem und atlantischem Strom entsteht,
und es läßt sich in der Tat nachweisen, daß sich hier im Winter die Wasser-
bewegung bis auf den Boden erstreckt. Nun ist es eine höchst bemerkens-
werte Tatsache, daß dieses sogenannte Irmingermeer ein äußerst plankton-‘
reiches Gebiet ist, das reichste, das z. B..die Planktonexpedition auf ihrer
Fahrt berührt hat,
Im allgemeinen spielen aber andere Vorgänge eine bedeutendere Rolle, die
mit dem großen System der ozeanischen Vertikalzirkulation zusammenhängen.
Um uns darüber in Kürze ein Bild zu machen, führen wir uns zuerst den Bildungs-
prozeß des polaren Oberflächenwassers vor Augen, und betrachten zunächst
die Vorgänge im südlichen Eismeer, die sich durch größere Einfachheit aus-
zeichnen. Hier gelangen Eisberge, die bis in die Tiefe von Hunderten von
Metern untergetaucht sind, mit wärmerem Wasser aus niederen Breiten in
Berührung, Es beginnt dann an der einen Fläche des Eisberges der Schmelz-
prozeß, bei dem fast reines Süßwasser entsteht; dieses wird natürlich durch
das schwerere Salzwasser in die Höhe getrieben, vermischt sich während des
Aufsteigens zum Teil mit diesem, und so kommt, wie es Pettersson”) ein-
gehend dargelegt hat, ein Oberflächenstrom zustande, der durch ständiges
Aufsteigen von Wasser gebildet wird. Daneben spielt sich aber noch ein
zweiter Vorgang ab: es sinkt salziges Wasser, durch die Abkühlung schwer
geworden, zu Boden, das zum Teil als Bodenstrom sich in einer mit dem
Oberflächenstrom gleichsinnigen Richtung bewegt. Ein Teil dieses nieder-
sinkenden Wassers muß aber nach dem hydrostatischen Grundgesetz an den
Stellen wieder aufsteigen, an denen der abwärts gerichtete Druck des sinkenden
Wassers nicht besteht, und so wird es in den auf den Eisberg zu gerichteten
Strom gelangen, und dann durch den Schmelzprozeß zum Teil wieder in der
beschriebenen Weise an die Oberfläche befördert werden. So entsteht also
dieser. verdünnte Oberflächenstrom durch einen komplizierten Vertikal-
zirkulationsvorgang, an dem bis zu einem gewissen Grade alle Schichten
beteiligt sind.
Auf der nördlichen Halbkugel wird dieser Prozeß dadurch kompliziert,
daß die Polarströme zum Teil aus dem Wasser bestehen, das aus den sibirischen
Strömen in das Polarbassin gelangt.‘ Nansen hat das Verhalten dieses Wassers
ausführlich beschrieben und gezeigt, wie es im Laufe seiner westwärts ge-
richteten Bewegung immer salzreicher wird, indem es sich mehr und mehr
mit dem Tiefenwasser vermischt, wobei Kompensation der Windströme und
andere Vorgänge in der kompliziertesten Weise ineinandergreifen m#ssen,
Sehen wir also, daß schon bei der Entstehung der Polarströme ein
Auftrieb von Tiefenwasser eine große Rolle spielt, so ist das, namentlich was
die nordatlantischen Gebiete anlangt, vielleicht in noch höherem Maße dort
der Fall, wo warme und kalte Oberflächenströme einander begegnen.
1) Knudsen, Den Danske IngeMf-Expedition 1.2; vgl. Pettersson, Petermanns Mitteilungen,
Bd, 46 (1900), 5. 64. >
2) Pettersson, On the influence of icemelting on oceanic circulation. Svenska Hydr.-
Biol. Comm. Stkrifter II (1905).