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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

Nathansohn, A.: Vertikale Wasserbewegung und quantitative Verteilung des Planktons im Meere. 67 
Nitraten in der offenen See nicht vorhanden. Das hängt wohl zum Teil 
mit dem Mangel an nitrifizierenden Bakterien zusammen, Brandts darauf 
gerichtete Untersuchungen zeigten, daß nur in einem geringen Teil der ge- 
prüften Wasser- und Schlammproben aus der Kieler Föhrde diese Organismen 
zu finden waren; meine ausgedehnten Untersuchungen im Wasser und Boden- 
schlamm des Golfs von Neapel hatten durchweg negative Ergebnisse; ebenso 
Grans‘!) diesbezügliche Forschungen an der norwegischen Küste. So sind wir 
wohl berechtigt zu sagen, daß, wo sich in der Nähe des Landes nitrifizierende 
Bakterien finden, diese von dort her eingeschleppt worden sind, das Meer 
selbst aber diese Organismen nicht beherbergt. Dadurch muß aber die Tätig- 
keit der Denitrifikationsbakterien eine bedeutende Einschränkung erfahren: 
sie kann sich nur auf die Stiekstoffverbindungen erstrecken, die in Form von 
Nitrat oder Nitrit in das Meer eingeführt, und nicht sofort von den Meeresalgen 
absorbiert werden. Diese Pflanzen besitzen aber in hohem Maße die Fähig- 
keit, Salpeter zu speichern, den sie dann reduzieren und in organische Stick- 
stoffverbindungen überführen.”) Auch diese sind dann der zerstörenden Tätig- 
keit der Denitrifikationsbakterien für immer entzogen, und so sehen wir, daß 
diese nur eine relativ kleine Rolle im Stoffwechsel des Meeres spielen können. 
Dazu kommt noch eines: Brandt glaubt auf eine intensive Denitrifikation im 
Meere schließen zu müssen auf Grund: der Überlegung, daß dem Ozean ständig 
Stickstoffverbindungen aus der Luft und vom Lande her zugeführt werden. 
Es muß also auch notwendigerweise eine Quelle von N-Verlusten vorhanden 
sein, da sonst eine ständige Anreicherung jener Verbindungen stattfinden 
würde. Eine solche sehon vor langer Zeit von Schlösing®) erwähnte Quelle 
liegt aber in der Abgabe von Ammoniak aus dem’ alkalischen Meerwasser 
an die Atmosphäre, aus der es wiederum von dem Erdboden absorbiert 
wird. Dieser Prozeß spielt sich am intensivsten da ab, wo die Stickstoff- 
zufuhr am bedeutendsten ist, nämlich in den Küstenregionen, denn dort ent- 
hält das Meerwasser am meisten Ammoniak, und dort findet auch stetig 
die Absorption durch die Erde statt. Es ist wohl denkbar, daß dieser Vor- 
gang das Gleichgewicht zwischen Stickstoffzufuhr und -Abfuhr herstellt, 
Eine logische. Notwendigkeit zur Annahme. intensiver Denitrifikation im Meere 
würde sonach nicht bestehen. 
Noch eines ist bei Beurteilung der Brandtschen Theorie zu berück- 
sichtigen. Es ist zwar richtig, daß im allgemeinen die kühleren Meere 
organismenreicher sind als die wärmeren; aber ein durchgehender Parallelismus 
zwischen Wassertemperatur und Planktonmenge besteht keineswegs. So lehrt 
z. B. ein Blick auf die Ergebnisse der quantitativen Fänge der Plankton- 
expedition mit dem »National«, daß das Minimum im Atlantischen Ozean in 
das Gebiet der Sargassosee fällt, daß aber dann mit Annäherung an den 
Äquator die Planktonmenge wieder steigt, obwohl auch dort die Wasser- 
temperatur sehr hoch ist (25°C und mehr). Ganz entsprechend sind die 
Berichte des »Challenger« über das Äquatorialgebiet des Stillen Ozeans. Auf 
der Fahrt von den Admiralitätsinseln nach den Karolinen sowie von Hawaii nach 
Tahiti wurden bei hoher Wassertemperatur Diatomeen und andere Plankton- 
organismen in ungewöhnlich großen Mengen beobachtet.*) Dieser letztere 
Befund spricht ebensosehr gegen den direkt oder indirekt entscheidenden Ein- 
fluß der Temperatur, wie gegen eine allzugroße allgemeine Bedeutung der 
Küstennähe, da besonders intensive Entwicklung von Diatomeen auch weit 
von der Küste in warmem Wasser vorkommt, und so sehen wir uns vor die 
Frage gestellt, ob denn überhaupt die Erfahrungen über die quantitative Ver- 
breitung des Planktons unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen sind, oder 
ob lokale, für jeden Einzelfall besonders zu ermittelnde Ursachen im Spiele sind 
1) (ran, Havets Bakterier og deres stofskifte. S. A. aus »Naturen«, Bergen 1904, 
2) Nathansohn, Über Regulationserscheinungen im Stoffaustausch. Jahrb. f. "wiss 
Botanik, Bd. 38 (1902), pag. 279ff. 
3) Schlösing, C. R. de lAc. d. sc. Bd. 82 (1876) pag. 747; Bd. SO (1875), pag. 175. 
4} Report of H.-M. &. »Challenger«. Narrative of the Cruise, Vol. I, 2. pag. 738 u. 775.
	        
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