56 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1906.
nur mäßigem, ja häufig auffallend geringem Zug aus. Ein Treppenkasten mit
nur 5 qm Tragfläche trägt bei mäßigem Wind einen Meteorograph von 1 kg
Gewicht unter einem Anfangswinkel von über 60° schnell und sicher bis zu
einer Höhe von etwa 1000 m bei einem Zuge von durchschnittlich nur 15 kg
empor. Die Stabilität der 7 nach dieser Weise gebauten Drachen war un-
gleich; bei zweien war sie ungenügend; vielleicht lag dieses an einer damals nicht
erkannten geringen Konkavität des Drachens abwärts, da eine solche Einbauchung
sich weiterhin als bereits in den geringsten Graden verhängnisvoll erwies.
Andere Treppenkasten zeigten sich sehr stabil. Der erste nach diesem Typus
gebaute Drache, der übrigens bedeutend schmaler als die später gebauten
war (vgl. Fig. I, Nebenbildchen vor der Bude), ist im Jahre 1902 viel als
Nebendrache verwendet worden, bis er zerbrach. Von den späteren breiten
Treppenkasten ist einer am 19, Oktober 1904 mit dem Apparat darin zwei
Stunden lang in 3000 m Höhe einem Winde ausgesetzt gewesen, dessen Ge-
schwindigkeit sich nach den Aufzeichnungen des Anemographen im Drachen
als 33 m per Sek, erwies — also Orkangeschwindigkeit. Allerdings erzeugte
auch dieser eine Drache bei diesem Aufstieg einen Zug von über 40 kg im
Draht. Es ist erstaunlich, daß der ziemlich zart gebaute Drache einen solchen
Sturm ausgehalten hat, ohne zerdrückt zu werden und ohne seine Stabilität zu
verlieren,
Wenn wir trotz dieser guten Eigenschaften den »Treppenkasten« zu-
gunsten des »Diamant-Drachens« aufgegeben haben, so geschah dies wegen
der größeren Einfachheit und vollständigen Zusammenlegbarkeit des letzteren.
Wo es sich nicht, wie auf unserer Station, um maschinellen und zwar
täglichen Betrieb zu meteorologischen Zwecken, sondern um Versuche mit
Handbetrieb zu technischem oder Sportzweck handelt, dürfte auch weiterhin
der »Treppenkasten« eine sehr vorteilhafte Drachenform sein und vielleicht
auch dessen Kombination mit der »Diamant«-Form Gutes ergeben.
Modell Deutsche Seewarte 1904,
(Diamantdrache mit Flügeln und ohne Flügel, Fie. III am Boden und Fig. IV in der Luft.)
Während die Tragflächen der Treppenkasten-Drachen ebenso, wie die
der gewöhnlichen speziell als »Hargrave-Drachen« bezeichneten Drachen (ein-
schließlich »Marvin-Drachen«, »Blue-Hill-Drachen« usw.) nur eine Neigung in
der Windrichtung selbst haben, sind die Flächen der an einer stumpfen Kante
gefesselten »Diamant-Drachen« auch nach rechts und links gegen den Horizont
geneigt. Der Name, der von ihrem rhombischen — im englischen als »diamond-
shaped« bezeichneten — Querschnitt stammt, berührt nicht diese wesentliche
Eigentümlichkeit derselben, die ja ebenso bei den sogenannten »amerikanischen«
Spieldrachen mit nicht rhombischen, sondern quadratischem Querschnitt zu
finden ist, Man könnte diese ganze Klasse von Drachen, bei denen Trag- und
Steuerflächen nicht getrennt sind, als Kantenflieger den gewöhnlichen
Flächenfliegern gegenüberstellen, wenn man dabei nicht in Verlegenheit
käme um einen Ausdruck für die Halbzylinder von Herrn Kusnetzof, die
einen gemischten Charakter zwischen beiden Klassen zeigen.
Die Figur 4 gibt Arbeitszeichnungen für die große geflügelte Form
dieser Drachen — die bei uns am meisten verwendete — nach den drei
Hauptebenen aller planflächigen Drachen: A ihrer Symmetrie-Ebene, die in
die Vertikalebene des Windes fällt, B ihrer Mittel-Ebene, die man als die
eigentliche »Drachenebene« bezeichnen kann und die die beiden anderen Ebenen
rechtwinklig schneidet; sie geht in diesem Falle durch die beiden Seiten-
Längsstöcke,*) endlich C, der Ebene ihres größten Querschnitts, die recht-
winklig zu A und zu sämtlichen Zugflächen steht. Die Schnittlinie von A und B
ist die Achse des Drachens.
*) Man könnte diese drei Hauptschnitte kurz als A Längsschnitt, B Tragschnitt und
C Querschnitt bezeichnen, Die »Längsachse« des Drachens liegt in der Schnittlinie von Längs-
schnitt und Tragschnitt und steht rechtwinklie zum Querschnitt.