Ann. d. Hydr. usw., XXXIV. Jahrg. (1906), Heft H.
Die
Drachenstation der Deutschen Seewarte.
Von W. Köppen.
{Hierzu Tafel 3 und 4.)
1. Allgemeines.
Über den Ursprung des Drachendienstes der Deutschen Seewarte geben
die Jahresberichte derselben für 1898 bis 1902 sowie mein im »Archiv der
Deutschen Seewarte«, Jahrgang 1901 erschienener Bericht Auskunft.!) Die
am letztgenannten Orte ausgesprochene Erwartung ist erfüllt, indem im Früh-
ling 1903 die Drachenstation der Seewarte an geeigneter Stelle als dauernde
Einrichtung gegründet und tägliche Aufstiege in Angriff genommen werden
konnten, deren wesentlichste Ergebnisse möglichst am gleichen Tage in den
Wetterberichten der Seewarte zur Veröffentlichung gelangen.
Der neue Drachenplatz der Seewarte liegt am Ostrande des Dorfes
Groß-Borstel, in Luftlinie 7!/, km nördlich vom Gebäude der Seewarte. Es
ist ein 4.1 ha großes, vom Hamburgischen Staate gepachtetes Landstück, dessen
nördliche Grenze 16'/,, dessen südliche 10'/, m über Hamburger Null liegt; nach
N zu steigt das Terrain langsam bis 19 m über 0 an, nach Südosten liegen
Wiesen und das sogenannte Eppendorfer Moor, dahinter das Alsterflüßchen.
Nach Osten öffnet sich eine ziemlich weite Aussicht in das Alstertal, dessen
linker Höhenzug mit den Türmen von Alsterdorf und Ohlsdorf den Horizont
abschließt, Nach Nordosten liegt in 700 m Abstand das »Borsteler Jäger «
genannte Gehölz, dahinter Haiden und Moore, die auch nach N und NW einen
großen Teil der ferneren Umgebung Groß-Borstels bilden, Diese Moore sind
übrigens wenigstens teilweise durch Wege gangbar gemacht. Nach Süden
und Westen wird der Platz von Feldwegen und leider in geringer Entfernung
dahinter auch von Bäumen begrenzt, die manchmal ziemlich hinderlich sind.
Die Südwestecke des Landstücks liegt dem Nordostende der Violastraße gegen-
über, einer nur 180 m langen Villenstraße, an deren anderem Ende die
elektrische Bahn vorbeigeht, die Hamburg mit Groß-Borstel verbindet. Durch
diese Bahn und ein Telephon ist genügende Verbindung mit der Stadt und
der Seewarte hergestellt. Gegen die Berührung des Drachendrahts ist die
Starkstromleitung dieser Bahn durch hohe Bäume und zum Teil auch durch
künstlichen Schutz recht ‚gut geschützt; auch die zweitnächste Bahn, die, in
11/, km im Südost vorbeigeht, läuft in einer Baumallee, Die Nordhälfte des
Horizonts der Drachenstation ist von elektrischen Bahnen ganz frei. Eine
Schmelzung des Drachendrahts durch Berührung mit der Starkstromleitung
hat zwar wiederholt stattgefunden; ein Unfall daraus ist aber noch keinmal
entstanden, und diese Hauptgefahr des alten Drachenplatzes in Eimsbüttel ist
jetzt jedenfalls sehr gering geworden; ganz ausgeschlossen werden kann sie
nicht, da ja bekannt ist, daß Drachen mit nachschleifendem Draht viele —
sogar 140 und mehr — Kilometer weit wandern können.
Nach diesem Platze, dessen Plan Fig. 1, Taf. 4 liefert, wurden bereits
zum 1. April 1903 die beiden kleinen Gebäude der alten provisorischen Drachen-
station übertragen, nämlich die drehbare, den Drachenhaspel enthaltende Bude
und die feste, als Magazin und Sommerwerkstatt für die Drachen dienende,
Die letztere war hier nur ein vorläufiger Behelf bis zur Fertigstellung des
neuen Stationsgebäudes. Sie wurde im südwestlichen Teile des Grundstücks
aufgestellt und im August, nach dem Umzug ins neue Haus, abgebrochen;
ihr linker Flügel blieb der Station erhalten als Anbau an das neue Gebäude,
um den Raum des letzteren etwas zu vergrößern (man sieht diesen Anbau
auf Fig. I?) rechts hinter den Drachen). Der Transport war leicht, weil die
Bude zerlegbar gebaut war. Da diese Bude, so eng sie war, die Station vier
) Bericht über die Erforschung der freien Atmosphäre mit Hilfe von Drachen, S. 7 bis 11.
% Die Figuren mit römischen Ziffern finden sich auf Taf. 3, jene mit arabischen auf Taf. 4.
Ann. d. Hydr. usw... 1906. Heft TT.