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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 34 (1906)

382 ‚ Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1906, 
Wasser muß entweder mit einer der Zufuhr entsprechenden Geschwindigkeit 
wieder abgekühlt werden, oder auch etwa nach Ost und West abfließen und in 
dieser Weise den Kreislauf vollenden. Welcher von diesen Fällen wirklich statt- 
findet, soll hier nicht untersucht werden. 
Es wurde oben die vom reinen Triftstrome bedingte Oberflächengeschwindig- 
keit Vy zu 16.2 cm p. Sek, ermittelt. Da der Wind ungefähr 40° nach links von 
der Richtung der Strombahn gerichtet ist, so sollte infolge Abschnitt IV die 
Geschwindigkeit des Tiefenstromes 16.2 - sin 40°/sin 45° = 14.75 cm p. Sek. und 
mit Vo beinahe gleich gerichtet sein. Da aber zum Treiben sowohl des Guinea- 
stromes als des Kanarienstromes und des Antillenstromes ein gewisser Druck- 
unterschied notwendig ist, wird die Geschwindigkeit des Tiefenstromes in der 
Wirklichkeit kleiner, sage die Hälfte oder 7.4 cm p. Sek. Die Geschwindigkeit 
des vom Winde bedingten Oberflächenstromes sollte unter dieser Annahme 
16.2 + 7.4 = 23.6 cm p. Sek, oder 11.0 Seemeilen im Etmale sein, Dazu kommen 
noch die oben berechneten von den Dichtigkeitsunterschieden bedingten 5.6 See- 
meilen. Die wirkliche Geschwindigkeit in der Oberfläche sollte mithin rund 
16,5 Seemeilen im Etmale sein, was mit den oben aus der Ozeanographie von 
Boguslawski und Krümmel angeführten Werten sehr gut übereinstimmt, 
Diese Übereinstimmung ist wieder eine Bestätigung, daß der oben S. 539 
ermittelte Wert der Reibungstiefe D wenigstens annäherungsweise richtig ist. 
Wir sind schon mehrmals oben mit einer alten Streitfrage gelegentlich in 
Berührung gekommen, doch ohne dieselbe direkt aufzunehmen. Die Frage ist, 
ob die Winde oder die ungleichmäßige Verteilung des spezifischen 
Gewichtes die wichtigste Ursache der Meeresströmungen ist, 
Wir fanden in zwei als Beispiele behandelten Fällen — in der Ostsee und 
im Gebiete des Nordatlantischen Äquatorialstromes (S. 573 und 581) —, daß die 
durch die wirklich stattfindenden Dichtigkeitsunterschiede bedingten Geschwindig- 
keiten nicht genügen, um für die Stromrichtung bestimmend zu sein, Vielmehr 
hängt diese im allgemeinen vom Winde ab, obwohl auch die von den Dichtigkeits- 
unterschieden bedingten Geschwindigkeitskomponenten gar nicht unbedeutend sind. 
Freilich kann nach dem oben ermittelten Resultate die Schichtung des 
Wassers — unabhängig von der Größe der Dichtigkeitsunterschiede — die vom 
Winde verursachten Stromgeschwindigkeiten sehr erheblich vergrößern; indem 
das leichte Oberflächenwasser vom Winde nach einer Seite gepreßt wird, bis die 
hydrostatischen Druckunterschiede groß genug sind, um dem Oberflächenwasser 
eine Bewegung parallel zur Küste aufzuzwingen. In der Wirklichkeit wird aber 
dieser Fall selten eintreffen, wie oben durch Beispiele gezeigt worden ist. Wenn 
die leichte Oberflächenschicht ziemlich dünn ist, so wird sie nämlich so dicht 
an die Küste gepreßt, daß sie für die eigentlichen Meeresströmungen keine 
Bedeutung hat. In anderen Fällen (z. B. Nordostpassattrift des Atlantischen 
Meeres) wird das aufgestaute Oberflächenwasser Gelegenheit haben, nach anderen 
Seiten abzufließen oder durch Abkühlung sein spezifisches Gewicht wieder zu 
vergrößern, so daß der stationäre Bewegungszustand niemals annäherungsweise 
erreicht wird. 
Es ist aber eine sehr verbreitete Meinung, daß die Dichtigkeitsunterschiede 
die wesentliche Ursache der Meereszirkulation seien, und daß die Winde diese 
Zirkulation nur mehr oder weniger zu modifizieren vermögen.!) Denn, so sagt man, 
wenn der Wind und die Dichtigkeitsunterschiede das Wasser in entgegengesetzten 
Richtungen zu bewegen suchen, so kann der erstere auf die Dauer nur die Wirkung 
der letzteren hemmen, bis diese durch Sonnenstrahlung, Zufuhr von Süßwasser usw. 
genug vergrößert sind, um den Strom wieder gegen den Wind zu treiben. Die 
Zufuhr von Sonnenwärme innerhalb der Tropen und die Wärmeausstrahlung auf 
höheren Breiten geht immer fort; und die Meeresströmungen müssen einen genau 
entsprechenden Wärmetransport von den äquatorialen zu den polaren Gegenden 
bewirken, sei es, daß die Winde für die Zirkulation günstig oder widrig sind. 
1) Siehe z. B. J. W. Sandström, »Einfluß des Windes auf die Dichte und die Bewegung 
des Meerwassers«. Publications de Cireonstances Nr. 18, Copenhagen 1904, und Prof. Dr. Fridtjof 
Nansen, »Die Ursachen der Meeresströmungen«, Petermanns Geogr. Mitteilungen 1905.
	        
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