554 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1906.
geben. Für viele Meeresgegenden kennen wir einigermaßen die Mittelwerte der
Luft- und Wassertemperatur, des Luftdruckes, die prozentischen Windhäufigkeiten,
die mittleren Stromverhältnisse u. a. m. Aber gerade von dieser Grundlage aus-
gehend muß man, wenn überhaupt‘ ein weiterer Fortschritt in der Erkenntnis
der hier in Betracht kommenden Naturphänomene erzielt werden soll, sich wenden
zum Studium der augenblicklichen Wetterlagen, zum Studium der
periodischen und besonders der nichtperiodischen Anderungen der
Wetterlage auf See; d. h. so, wie an Land durch die täglich herausgegebenen
Wetterkarten der Kontinente die Veränderungen der Erscheinungen nach Raum
und Zeit, nach Art und Größe verfolgt werden, und somit auch die Verschieden-
heiten der Witterung der einzelnen Jahrgänge festgestellt werden, ebenso muß
das gleiche für die Ozeane geschehen.
Ein für den praktischen Seemann unmittelbar einleuchtendes Beispiel der
Bedeutung der unperiodischen Änderungen in dem Zustand der Atmosphäre und
des Meeres, ein Beispiel von der Wichtigkeit der Verschiedenheiten von Jahr zu
Jahr sind die in den verschiedenen Jahren ganz verschiedenartig sich ent-
wickelnden Eisverhältnisse innerhalb der befahrenen Meere, besonders im Neu-
fundland-Gebiet und bei Island-Spitzbergen. Das übereinstimmende Ergebnis der
Untersuchungen mehrerer Forscher, die zum Teil abweichende Methoden befolgten,
besagt, daß das Auftreten des arktischen Eises nach Ort, Zeit und Menge in
einem ungemein innigen Zusammenhang mit den Windverhältnissen der vorher-
gegangenen Monate steht; man muß also ständig diese Witterung auf dem Ozean
durch Beobachtungen festlegen, wenn man je darauf rechnen will, in den
Mechanismus der Treibeisverbreitung tiefere Einblicke zu gewinnen und vielleicht
einmal zu einer Vorhersage der in einer Saison zu erwartenden Eisverhältnisse
zu gelangen. Aber nicht allein‘ die Eisverhältnisse, sondern auch die Wärme-
und Niederschlagsmengen, die einem bestimmten Festlandsgebiet in einer be-
stimmten, mehr oder weniger langen Periode zukommen, schwanken von Jahr
zu Jahr; allbekannt ist, daß wir in dem einen Jahr vielleicht einen sehr kühlen
und regnerischen Sommer, in dem anderen Jahr vielleicht einen heißen und
trockenen Sommer haben. Auch diese Unterschiede dürften wesentlich von
großen unperiodischen Änderungen der atmosphärischen Zirkulation abhängig
sein. Vielleicht kommen für die am weitesten nach Nordwesten hinaus gelegenen
Teile Europas, für die Shetland- und Fär Oer-Inseln, sogar die Eisverhältnisse
von Island und der Ostküste Grönlands etwas mit in Betracht, während aller-
dings das neufundländische Eis höchstwahrscheinlich keinen Einfluß auf das
Klima Westeuropas auszuüben imstande ist. In der Fußnote hier unten‘) ist
ein Verzeichnis einiger ausgewählter Arbeiten gegeben, die in den letzten Jahren
mit Bezug auf die angedeuteten Fragen allein in den »Annalen der Hydrographie
und Maritimen Meteorologie« erschienen sind; es ist gar kein Zweifel, daß auf
diesen und ähnlichen Zielen geltenden Untersuchungen ein Hauptgewicht der
maritim-meteorologischen Forschung für die nächsten Jahre beruhen muß. Die
Deutsche Seewarte hat z. B., um später einmal für einen längeren Zeitraum
die stetig schwankenden Wärmemengen des Oberflächenwassers im Nordatlan-
tischen Ozean verfolgen zu können, seit dem 1. März 1904 begonnen, auf den
Manuskriptblättern der »Täglichen synoptischen Wetterkarten für den Nord-
atlantischen Ozean« die wichtigsten Messungen der Temperatur der Meeresober-
fläche einzutragen. Ebenso sammelt die Deutsche Seewarte seit 1905 alle die
entsprechenden Messungen, die ihre tätigen Mitarbeiter zur See hinsichtlich der
Wassertemperatur im Englischen Kanal und in der Nordsee ausführen, und sendet
N ‘) Periodische Schwankungen der Eistrift bei Island. Jahrgang 1906, S. 148, 227, 278. —
Über die Wahrscheinlichkeit von periodischen Schwankungen in dem Atlantischen Strome und seinen
Randgewässern. Jahrgang 1906, S. 1. — Beziehungen zwischen der Luftdruckverteilung und den Eis-
verhältnissen des ostgrönländischen Meeres. Jahrgang 1904, S. 49. — Über Schwankungen der nord-
atlantischen Zirkulation und ihre Folgen. Jahrgang 1904, 8. 353. — Über die große KEistrift bei_der
Neufundlandbank und die Wärmeverhältnisse des Meerwassers 1903. Jahrgang 1904, S. 277. — Über
die Grenzen des Treibeises bei der Neufundlandbank sowie über eine Beziehung zwischen neufundlän-
dischem und ostgrönländischem Treibeis. Jahrgang 1904, S. 305.