Ann. d. Hydr. usw., XXXIV. Jahrg. (1906), Heft XIL
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Die Bedeutung maritim-meteorologischer Beobachtungen für neuere
Bedürfnisse der Wissenschaft und Praxis.
Mit den Jahren ändern sich die Verkehrsverhältnisse, ändern sich zugleich
auch die Anforderungen, welche. der Verkehr an die Wissenschaft behufs Unter-
stützung stellt. Die gewaltigen Änderungen in der Schiffahrt, die in dem immer
erdrückender werdenden Übergewicht der Dampferflotte über die Seglerflotte
ihren hauptsächlichen Ausdruck finden, sind allbekannt, und es muß eine der
vornehmsten Aufgaben, ja vielleicht die vornehmste Aufgabe einer nautischen
Interessen dienenden Anstalt, wie es die Deutsche Seewarte ist, darin erblickt
werden, daß jeweilig den mit der Zeit wechselnden Anforderungen, welche aus
wissenschaftlichen und praktischen Kreisen gestellt werden, entsprochen wird, ja,
womöglich sogar den voraussichtlich sich ergebenden Anforderungen von vorn-
herein durch besondere Maßnahmen vorgearbeitet wird. Soweit Hilfsmittel mit
ozeanographischem und maritim-meteorologischem Inhalte in Betracht kommen,
hat die Deutsche Seewarte in den letzten Jahren den veränderten Schiffahrts-
verhältnissen durch verschiedene Veröffentlichungen Rechnung zu tragen ver-
sucht. So gibt sie regelmäßig die hauptsächlich für die transatlantischen Dampfer-
reisen berechneten »Monatskarten für den Nordatlantischen Ozean« heraus, die
für Deutschland dasselbe bedeuten wie für die Vereinigten Staaten und England
leren Pilot Charts; dazu kommen die bis vor kurzem ebenfalls regelmäßig
veröffentlichten »Vierteljahrskarten für die Nord- und Ostsee«, welche, wenn sie
auch regelmäßig zu erscheinen aufgehört haben, doch auch in Zukunft auf Ver-
iangen in Einzelexemplaren den Mitarbeitern der Deutschen Seewarte zuür Ver-
fügung stehen; hierher gehört ferner der die Stromversetzungen auf den wich-
tigsten Dampferwegen des Indischen Ozeans in je 12 Monatsbildern behandelnde
Spezialatlas, welcher später durch einen die Gesamtfläche des Indischen Ozeans
berücksichtigenden Spezialatlas der Strömungen ersetzt werden soll, hierher gehört
andlich und ganz besonders das 1905 ausgegebene »Dampferhandbuch für den
Atlantischen Ozean«. In dieser Richtung soll weiter gearbeitet werden; ver-
schiedene größere, hierher gehörige Vorarbeiten sind bereits seit längerer Zeit
im Gange. Alle diese Werke beruhen bekanntermaßen auf den unersetzlichen
und tatsächlich unschätzbaren Originalbeobachtungen, welche die Deutsche See-
warte seit Beginn ihres.Bestehens von ihren Mitarbeitern zur See in freiwilligem
Dienst der Kapitäne und Schiffsoffiziere durch Führung eines meteorologischen
Tagebuches erhalten hat.
Es ist nun richtig, daß ein Teil der obengenannten, der ausübenden Schiffahrt
wieder. zugute kommenden Veröffentlichungen allein auf dem in den letzten
30. Jahren angesammelten Beobachtungsmaterial inhaltlich und mit ausreichender
Sicherheit aufgebaut werden könnte; aber es ist andrerseits auch ebenso richtig,
daß für eine ganze Reihe von hierher gehörigen Untersuchungen die
fortlaufenden, ständig, ja täglich und stündlich sich erneuernden
maritim-meteorologischen Beobachtungsdaten unentbehrlich sind. Es
ist diese Tatsache unseren Mitarbeitern in der Hauptsache gewiß bekannt; es
mag aber in Hinblick auf verschiedene ganz neuerdings aufgetretene Bedürfnisse
doch an einigen Beispielen gezeigt werden, wie zwingend die fortwährende
Kontrolle der wichtigsten meteorologischen und ozeanologischen Faktoren durch
direkte Beobachtungen an Bord ist, und welches Verdienst die Schiffsführer und
Schiffsoffiziere durch sorgfältige Anstellung dieser Beobachtungen auf jeder
neuen Reise der Wissenschaft und der Praxis erweisen, ; ;
Wenn es allein darauf ankäme, für irgend einen Meeresteil und für irgend
eine Jahreszeit den mittleren oder durchschnittlichen, sozusagen den normalen
Zustand der Atmosphäre und des Ozeans zu beschreiben, so könnte man sich
allerdings in einigen Fällen, bei weitem noch nicht in allen Fällen, mit dem auf
den Zentralinstituten jetzt schon angesammelten Beobachtungsmaterial zufrieden
Ann. dad. Hydr. usw... 1906. Heft XII.