530 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1906,
Beobachtungen beantwortet werden. Vorläufig wollen wir, um weitere qualitative
Resultate abzuleiten, annehmen, daß die Reibungstiefe vom Meeresboden bis zur
Oberfläche unveränderlich ist und daß also die Figuren 13 bis 15 richtig sind.
Unter der Annahme, daß die Geschwindigkeit der reinen Triftströme der
Windgeschwindigkeit proportional ist, und unter den speziellen Voraussetzungen
des Problems a gilt der Satz: die Geschwindigkeit des Tiefenstromes ist
der parallel zur Küste genommenen Komponente der Windgeschwin-
digkeit proportional. Bläst der Wind senkrecht zur Küste, so wird gar kein
Tiefenstrom erzeugt.
Richten wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Oberflächenstrom,
so sieht man daß auch dieser durch den Einfluß der Küste bemerkenswerte
Veränderungen erleidet, Die Geschwindigkeit des Oberflächenwassers wird je
nach der Windrichtung relativ zur Küste mehr oder weniger erheblich ver-
größert (durchschnittlich im Verhältnisse 166: 100). Die Stromrichtung des
Oberflächenwassers wird wohl immer nach rechts von der Windrichtung (auf
der nördlichen Hemisphäre) abgelenkt; der Ablenkungswinkel variiert aber je
nach der gegenseitigen Richtung von Wind und Küste zwischen 0° und 53°,
Eine einfache Übersicht der obenerwähnten Resultate wird man durch
folgende geometrische Konstruktion (Fig. 16) gewinnen, deren Richtigkeit man
leicht einsehen kann, OT sei die Bewegungsrichtung des Windes, In 45° Entfernung
von OT wird die Gerade OA gezogen, und zwar soll die Länge OA die Oberflächen-
sn geschwindigkeit im »‚reinen« Triftstrome darstellen. AB
Fig. 16. wird parallel zu OT gezogen und um einen auf AB ge-
legenen Punkt ein Kreis ABE, der OT berührt und durch
A geht, geschlagen. Die Sehne AD wird in der Küsten-
richtung gezogen. Es werden dann in Geschwindigkeit
und Richtung der gleichförmige Tiefenstrom durch AD
und der resultierende Oberflächenstrom durch OD dar-
gestellt. Die Ablenkung des Oberflächenstromes von der
Windrichtung würde nach dieser Konstruktion im Durch-
schnitt 27° betragen.
Es ist zu bemerken, daß der Tiefenstrom auf der
aördlichen Hemisphäre in eine geradlinige Bahn gezwungen
wird, nicht nur, wenn er die Küste auf seiner rechten Seite,
sondern auch, wenn er sie auf seiner linken Seite hat, Im
letzteren Falle wird er an der Küste durch Saugwirkung
festgehalten. (Anders wird der Fall sein, wenn ein Strom
nur infolge seiner Trägheit längs der Küste strömt. Auch in
diesem Falle wird er durch eine Saugwirkung festgehalten. Wegen des Druckunter-
schiedes wird aber ein Strom längs der Küste in der entgegengesetzten Richtung
eindringen; und dieser Strom ist kein Kompensationsstrom, sondern ein wirk-
licher Reaktionsstrom, der die Bewegungsenergie des primären Stromes auf-
zehrt, bis derselbe die Küste verläßt und verschwindet. Dies scheint z. B. an
der Ostküste von Nordamerika der Fall zu sein, da wo der Golfstrom in die
Golfstromtrift übergeht.)
Von wesentlicher Bedeutung ist die Frage, wie lange Zeit nach dem
Eintreten eines neuen Windes nötig ist, bis der entsprechende sta-
tionäre Bewegungszustand eingetreten ist. Da sowohl der reine Trift-
strom als auch der Staustrom den Veränderungen des Windes beziehungsweise des
Druckgradienten, praktisch genommen, augenblicklich folgt, so ist diese Frage
mit der folgenden Frage gleichbedeutend: in wie langer Zeit kann der Triftstrom
die dem stationären Bewegungszustande entsprechende Neigung der Meeresober-
fläche hervorbringen?
Diese Zeit t kann, wenn es sich um eine ungefähre Schätzung handelt,
in zwei Teile, t, und t,, zerlegt werden, von denen der eine von der Breite, der
andere von der Tiefe des zu betrachtenden Meeresgebietes abhängt. Erstens
muß nämlich der reine Triftstrom durch irgend eine zur Küste parallele Vertikal-
ebene eine Wassermenge transportiert haben, die der innerhalb dieser Vertikal-
E