Behrmann, W.: Die Entstehung nautischer Kartenwerke Niederdeutschlands und ihr Einfluß usw. 525
In den folgenden Werken wollen wir die Seebücher verlassen und zu den
Seeatlanten übergehen (wie H. Wagner diese Werke einteilt),!) d. h. zu den
Werken, bei denen nicht, wie bislang, der beschreibende Text an erster Stelle
stand, sondern zu Werken, die als reine Kartenwerke den beschreibenden Teil
höchstens in der Einleitung bieten, ihr Hauptgewicht aber auf die Karten legen.
Gemeinsam ‚ist fast allen diesen Werken, daß sie zu Anfang eine Weltkarte bieten,
dann eine Generalkarte von Europa, die Küsten dieses Erdteils in weiteren Karten
illustrieren, um endlich die außereuropäischen Gewässer zu behandeln. Da wir
nur dem Einfluß Waghenaers in diesen Werken nachspüren wollen, können uns
die außereuropäischen Erdteile nichts sagen, wir müssen bei allen Werken uns
auf Europa beschränken.
Zusammen behandeln können wir drei Werke des Jahres 1667, nämlich:
1. Hendrik Doncker, De Zee-Atlas of Water-Waerelt; 2. Pieter Goos, De Zee-Atlas
ofte Water-Waereld; 3. Joannes van Loon, Klar-Lichtende Noort-Star ofte Zee-Atlas;
alle drei in Amsterdam erschienen, die, wenn sie auch verschiedene Einteilung
der Karten zeigen, doch ein gleiches Gepräge haben. Da diese Atlanten die ganze
Erde in einem Bande darstellen wollen, können sie Spezialkarten nur an ver-
ainzelten Stellen bieten. Wo dies der Fall ist, wie z. B. in der Ems—Eider-Karte
des Doncker, der Marokko-Karte (genaue Kopie des Blaeuw) und Holland-Karte
des Goos, C. Vicente-Karte des Zoon, wird sofort auf Waghenaer zurückgegriffen
und die Küste mit Ansichten verziert. Im übrigen werden die Übersichtskarten
des Blaeuw kopiert, wenn auch in einzelnen Punkten verbessert; immer. aber
noch macht sich der Einfluß der Küstenansichten geltend (Nordbretagne usw.).
Das Mittelmeer ist durch eine echte Portulankarte vertreten. Überhaupt ist bei
diesen und wie bei den folgenden Werken zu konstatieren, daß das Mittelmeer,
außer in der Generalkarte, nie zusammen mit atlantischen Küsten dargestellt
wird, vielmehr die Karte stets in der Nähe von Gibraltar abschneidet (höchstens
wird das schon im Tresoor gebotene Küstenstück bis Kap Gata, oder die Küste
bis Kap Vicente der Portulane mit hineingezogen). Dieses, eine Art Atavismus,
kann als neuer Beweis dafür dienen, daß die Generalkarte »die Pascaerte v.
Europa« des Waghenaer aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt ist. Diese
durch die Zusammensetzung so wirre Karte des Waghenaer finden wir den Werken
des Doncker und Goos vorangesetzt; in beiden fehlt der Bottnische Meerbusen
und liegt die Waigatsch-Straße mit Korfu scheinbar auf derselben geogr, Länge,
Die Küste von Norwegen ist wie in den folgenden Werken nach. der Übersichts-
karte von Blaeuw verbessert, während dieser selbst sie in der Generalkarte von
Europa noch abweichend von seinen Spezialkarten zeichnet.
Die gleiche Karte in etwas vergrößertem Maßstabe bietet uns ferner Colom
im seinem Atlas maritimo aus dem Jahre 1669. Dieser Atlas ist reichhaltiger in
bezug auf die außereuropäischen Länder als die vorhergehenden Werke. Die
Küste Europas ist scheinbar aus den verschiedensten Werken zusammengestellt,
denn die Karten weisen die abweichendsten Größen im Format auf. Obenan aber
steht Waghenaer; viele Karten sind reine Abzeichnungen (z. B. Süd-Norwegen)
sowohl in bezug auf Namen als’ auf Küstenlinie und Ansichten; andere wieder
fußen auf Blaeuww Übersichtskarten, wie z. B..die Süd-Nordsee. Die Portulan-
karte des Mittelmeers fehlt nicht. In dem »wierigen Colom der Zeevaert 1662«
von demselben Verfasser befindet sich nach H. Wagner eine Mereator-Xarte.
Diese ist in diesem Werke verschwunden.
Dieses Werk scheint in einzelnen Übersichtskarten stark auf v. Keulens
Werk »De Groote Nieuwe vermeerderde Zee-Atlas ofte Water-Waerelt, Amsterdam
{681« eingewirkt zu haben. Wenn sich dieses Werk auch nicht auf die gleiche
Detaildarstellung einläßt, so blickt auch hier wieder, z. B. in Süd-England und
den Scilly-Inseln?), Waghenaerscher Einfluß durch.
1) Leitfaden durch den Entwicklungsgang der Seekarten. 11. D. Geogr. Tag, Bremen 1895,
Katalog der‘ Ausstellung, p. 29 ff,
2) Ich wähle in den verschiedenen Werken verschiedene Beispiele, um anzudeuten, daß man
ihre Zahl leicht vermehren kann.