324 Annalen der Hydrographie und ’Maritinen Meteorologie, November 1906.
sehen bei Waghenaer also eine Unkenntnis des Bottnischen Meerbusens; Island ist
zu weit nach Süden gezeichnet, ferner schneidet in Norwegen, dessen Küste einen
scharfen Knick aufweist, ein Fjord weit ins Land, auch möge die Sandbank das
»Jütsche Riff« und die sagenhafte Insel »Brazil« als besonders charakteristisch
gelten, Die Angabe der geographischen Länge ist in beiden Werken Waghenaers
verschieden, ein Zeichen dafür, wie wertlos den Schiffern ‚damaliger Zeit die
geographische Länge von Orten blieb,
Ungefähr wiederholen können wir das Gesagte bei der Kopie, die Adriaen
Gerritsen 1592 von dieser Karte nahm, um sie unter eigenem Titel herauszugeben.
Er ersetzt den Bottnischen Meerbusen durch ein Wappen Schwedens und ent-
hebt sich so der Darstellung, auch wird das Bild nicht so weit nach Norden
ausgedehnt,
Im Thresoor der Zee-Vaert 1592 hat Waghenaer selbst den ersten Anstoß
zur Zusammensetzung der Spezialkarten gegeben; es finden sich meistens zwei
Karten zusammengestellt im verkleinerten Maßstab. Immer aber, und das ist
besonders bemerkenswert, begleitet die Küste die Küstenansicht, was besonders
in neu aufgenommenen Gebieten hervortritt, Die Erweiterung des dargestellten
Gebietes ist nur gering.
Dasselbe gilt von W. Jansz Blaeuw. Von seinem 1608 erschienenen »Het
Licht der Zeevaert« ist mir eine französische Ausgabe von 1620 zu Gesicht ge-
kommen, Sie fügt im Kartenteil nur Kopien der alten Waghenaer-Karten zu-
sammen, die durchweg eine einfache Abzeichnung der Küstenlinien sowohl wie
der Ansicht darstellen, Das Wertvolle und Neue an dem Werke ist, daß alle
Spezialkarten mit einer Breitenskala versehen sind.
W. Jansz Blaeuw hat noch ein zweites Seebuch, den »Zeespiegel« heraus-
gegeben. Über die Spezialkarten dieses Atlas können wir hinwegeilen; es gilt
von ihnen, was von den vorhergehenden Werken gesagt ist. Nur an der Küste
Norwegens finden wir neue Karten nach dem alten Prinzip der Küstenansicht
gezeichnet. Hatten die soeben zitierten Bücher keine Generalkarte, so findet sie
sich hier. Und wieder ist es die Waghenaer-Karte, zwar verkleinert und bis
Spitzbergen ausgedehnt, aber mit allen charakteristischen Fehlern, dem Zusammen-
drängen der nördlichen, dem Auseinanderzerren der mittelländischen Gebiete.
Die Darstellung aber läßt alles Unbekannte fort, die geographische Länge wird
überhaupt nicht angedeutet, der Bottnische Meerbusen ist verschwunden, Neben
diesen Spezialkarten und der Generalkarte von Westeuropa bietet der Atlas,
jedem Kapitel vorangestellt, zusammenfassende Küstenkarten einzelner Becken.
Diese, aus den Spezialkarten entstanden, bieten keine Küstenansichten, und doch
haben diese bestimmend auf sie gewirkt; man beachte nur die gerade Linie der
Bretagne und der Normandie, auch Nordspaniens, die nur als Grundlinien der
ehemaligen Küstenansichten aufzufassen sind. Besonders sei unser Augenmerk
auf die Nordseekarte (No. 31) gerichtet, die wir in den verschiedensten Werken
der niederdeutschen Kartographen wiederfinden werden. Sie ist gleich der
Waghenaerschen Karte orientiert — Statland nördlich Ostende —, unterscheidet
sich aber von dieser durch die Darstellung der Küste Norwegens, in der an
Stelle des Sogne Fjords jetzt der Stavanger Fjord, entsprechend den neuen
Spezialkarten, dominiert. So läßt uns also Blaeuw in den Übersichtsblättern,
trotzdem ihnen die Küstenansichten fehlen, noch die Entstehungsweise er-
kennen, indem er diesen Karten die Spezialkarten folgen läßt. Die Werke
Blaeuws sind in vielen Auflagen in den verschiedensten Sprachen verbreitet
(Licht der Zeevaert 1608— 1634, Zeespiegel 1623—1683) und haben so Waghenaersche
Arbeit bekannt gemacht.
Dasselbe, was vom Zeespiegel gesagt ist, kann wörtlich auf das Werk von
Theunis Jacobsz »t Neuwe en vergroote Zee-Boeck, dat is: des Piloots ofte Loots-
Mans Zee-Spiegel« 1662 übertragen werden. Es fehlt zwar die Generalkarte,
die Übersichtskarten aber haben denselben Typus wie die im Zeespiegel. So ist
auch die Nordseekarte eine reine Kopie mit derselben Nordrichtung, wenn sie
auch in den nordenglischen Inseln selbständigere Zeichnung bietet.