Behrmann, W.: Die Entstehung nautischer Kartenwerke Niederdeutschlands und ihr Einfluß usw. 523
der Inseln Sardinien, Korsika, Elba, Ischia, Malta und Zora (apud Joannem
Janssonium), die ebenso wie die angehefteten Karten des Mercator-Atlas von
Sizilien, Mazedonien, Morea. und Cypern: reine Landkarten sind. Endlich ist
das Werk beschlossen durch eine reine Portulankarte des östlichen Mittelmeers,
So bunt diese Zusammenstellung ist, so charakteristisch ist sie für die Nieder-
deutschen. Trotz der guten Portulankarten der Einzelbecken, die ihnen also
bekannt waren, zogen sie es vor, dort, wo ihnen eigenes fehlte, sogar zu Land-
karten zu greifen, die bei ihrem ungenauen Küstenverlauf zur Ansegelung völlig
ungeeignet waren. Erst im Notbehelf und bei der zusammenfassenden Darstellung
wird zu den Karten der Italiener gegriffen,
. Es gehen in jüngeren Werken die Niederländer teilweise ganz und gar
zu ihrer eigenen Methode über. Im vyerighen Colom aus dem Jahre 1656 wird
das ganze Mittelmeer in Spezialkarten nach niederdeutscher Zeichenmethode
dargestellt, ferner werden uns fortlaufende Küstenansichten geboten. Besonders
aber bei den in Holzschnitt ausgeführten Lageplänen einiger Häfen finden wir
das‘ wirre und störende Durcheinander von Ansicht und Küstenlinie. Nur bei
einem so inselreichen Meer wie das Agäische, konnte die niederdeutsche Methode
zu keinem. erfreulichen Resultat gelangen; es wird hier eine Portulankarte ein-
geschaltet. Dieses Blatt, das die Portulankarte umgeben von Küstenansichts-
karten darstellt, zeigt uns den Unterschied der italienischen und niederdeutschen
Darstellungsweise auf das typischste (siehe Tafel 34).
Wir hatten gesehen, wie die Niederdeutschen zur Zeichnung ihrer See-
karten sich einer besonderen Methode bedienten, ferner, wie diese Methode sich
in der nautischen Kartographie festsetzte. Am reinsten hatte sich die Zeichen-
form bei Zucas Jansz Waghenaer dargestellt. Um aber das Verdienst dieses
Mannes zu würdigen, um den großen Einfluß seines Werkes und somit die Not-
wendigkeit zu zeigen, es in seinem Wesen zu verstehen, möge es erlaubt sein,
auf seine Kopisten etwas näher einzugehen. Es. kann die Betrachtung gleich-
zeitig zeigen, wie ungeheuer zuzeiten, wo es an topographischen Aufnahmen
fehlt, der Einfluß einmal entworfener Spezialkarten ist, wie starr ferner die
Seefahrer, trotz besseren Materials, an einmal Althergebrachtem hängen,
In dem Waghenaerschen Werk finden wir zum ersten Male eine ununter-
brochene Kette von Einzelkarten der Küste; daneben aber auch eine General-
karte (Abbildung 1. c. Karte IV). Diese ist aus einzelnen Küstenlinien zusammen-
gesetzt und ist trotz der Randeinteilung, wie sie einer quadratischen Plattkarte
zukäme, als projektionslos zu bezeichnen. Es ergibt sich durch das Zusammen-
zeichnen (das an anderer Stelle nachgewiesen) ein verzerrtes Bild, Riga 24° 6. v. Gr.
und Pisa 101/,° erscheinen unter dem gleichen Meridian. Trotz dieser Fehler
war sie für den Schiffer nicht unbrauchbar, der sein Augenmerk nicht auf die
Landmassen, sondern nur auf die Meeresbuchten richtete; denn diese Karte be-
tonte zum ersten Male die möglichste Genauigkeit einer Küstenlinie im Gegen-
satz zu den ausgezackten und ausgezahnten Küsten der binnenländischen Karto-
graphen (Mercator, Olaus Magnus). Wir können: also erwarten, daß Waghenaer
in dreierlei Weise auf die Kartographie eingewirkt hat, erstlich indem seine
Einzelkarten (vielleicht mit kleinen Änderungen). kopiert wurden, zweitens indem
dieses gewissermaßen topographische Material als Unterlage anderen Karten
diente, endlich aber indem seine Generalkarte von der späteren Kartographie
übernommen wurde, Es sei erlaubt, diese drei Gesichtspunkte nebeneinander zu
behandeln, indem wir die Werke in natürlichen Gruppen an uns vorbeiführen,
und zwar wesentlich die nautischen, um die wissenschaftlichen später anzufügen,
Es war nicht immer möglich, das erste Jahr des Entstehens eines Werkes anzu-
geben, es wurde daher die Jahreszahl der eingesehenen Werke genannt.
Die erste Kopie der wesentlichen Teile der Generalkarte findet sich bei
Waghenaer selbst in einer späteren Ausgabe (1591 ff). Sie dehnt das Gebiet
weiter nach Osten aus, erreicht dadurch aber einen Platzmangel im nördlichen
Norwegen, indem das Weiße Meer zu weit ins Land schneidet; es muß sich da-
her der Bottnische Meerbusen ein Drängen nach Westen gefallen lassen... Wir
Pa